Abstand, Überblick, Souveränität

08.03.2020 | Strunz
 

Können Sie haben. Entweder durch eine tägliche, höchst erfrischende Tätigkeit oder durch einen Stoff. Durch eine Aminosäure. Einen Neurotransmitter. Nämlich Serotonin.

Serotonin wurde ja einmal in der FAZ „das Chefhormon“ genannt. Weil es gute Laune macht und Abstand, Überblick, Souveränität erzeugt. Das stellt sich die Chefetage der FAZ als Chef-Verhalten vor. Kann ich nur beipflichten. Ein Chef sollte lächeln und überlegen reagieren. In jeder Situation. Wirklich in jeder!


Wird in dem FAZ-Artikel im Beispiel von Affen demonstriert. Der Chef-Affe hatte regelmäßigen einen höheren Serotonin-Spiegel als seine Untergebenen.

Wurde er ausgetauscht, stieg bei seinem Nachfolger, jetzt neuer Chef, plötzlich der Serotonin-Spiegel an.


  • Böse wie die Forscher sind, haben sie einem kleinen, verhuschten Randaffen Serotonin „gespritzt“: Prompt war der für drei Stunden der Chef-Affe. Als das Hormon wieder abgeklungen war, wurde er verjagt, verbissen.
  • Sie glauben nicht, wie kindisch Forscher sind.

Eigentlich freilich wollte ich Ihnen nicht von einer Pille, sondern von einer Technik erzählen. Sie ahnen: von der Meditation. Und wozu die in Wahrheit gut ist. Meditation verändert den Menschen komplett. Für mich ein besonders wichtiger Punkt: Der kann plötzlich beides:


  • Der kann sich voll auf einen Punkt, auf eine Aufgabe hier vor ihm auf dem Schreibtisch konzentrieren
  • und kann gleichzeitig (gleichzeitig!) das große Ganze sehen. Den Überblick behalten. Weit gespannte Zusammenhänge erkennen.

Das gelingt, wie Sie wissen, unsereinem nicht. Entweder – oder. Und das oder ist schwierig genug. Große Zusammenhänge zu begreifen. Das Adjektiv „schwierig“ ist freilich falsch. Grundfalsch.

Denn diese Fähigkeit ist im Menschen angelegt. Wenn er vom „Gehirnbesitzer zum Gehirnbenutzer“ wird (Zitat Birkenbihl). Und das wird man durch Meditation. Wer uns das bewiesen hat? Der Neurobiologe Prof. Dr. Wolf Singer. Darf ich die kleine Geschichte dazu zitieren? Also los:


„Das Ameisenhaufen-Syndrom.

Sie wissen: Ich interessiere mich für Adler und Ameisen. Die einen nutzen die Kraft des Windes. Die anderen schuften fleißig. Zugegeben, ich interessiere mich ein wenig mehr für den Adler. Im Wald lag an meiner Laufstrecke ein Ameisenhaufen, an dem lief ich immer vorbei. Fokussierte mich auf meinen Lauf, ließ die fleißigen Tierchen ihre Arbeit machen.

Irgendwann 2009 las ich ein Interview in der Süddeutschen Zeitung mit dem berühmten Neurobiologen Wolf Singer – und beschloss: Bleib da mal stehen. Beschäftige dich mal mit dem „Ameisenhaufen-Syndrom“.

Man kann diesen schwarzbraunen Haufen nämlich auf zwei Arten betrachten. Entweder man betrachtet die Details, sieht die kleinen Kreaturen, wie sie sich mit den großen Blättern abmühen, Holzstückchen umherwuchten und wunderbare Teamarbeit leisten. Oder man sieht die Bewegungsströme, die Marschrichtungen der kleinen schwarzen Arbeiter, die sich wie feine Adern um den Haufen winden.

Wir können nicht beides auf einmal sehen, das Detail und die Bewegung. Die Bewegung wird in einer anderen Hirnregion verarbeitet als die Formenidentifikation. In der Regel benutzen wir nur eines der Systeme, das, was wir gerade brauchen, für das Detail oder für die Bewegung. Beides auf einmal zu sehen geht eigentlich nicht.

Nur: Der Neurobiologe Prof. Dr. Wolf Singer, der auch ein Buch über Meditation und Gehirn geschrieben hat, stellte fest, das meditierende Gehirn kann beides sehen. Die Ameisen und die Ströme. Der hat selbst, in einem Kloster, eine strenge Zen-Meditation praktiziert. Das heißt acht Stunden täglich vor einer weißen Wand sitzen, ohne ein Wort mit den anderen Teilnehmern zu wechseln, ohne Blickkontakt. 14 Tage lang. Schon nach drei bis vier Tagen bemerkte Singer, dass er beides sehen kann: die Ströme und die Ameise.

Meditation schärft also die Aufmerksamkeit, wir sehen Dinge in ihrer ganzen Komplexität. Wow.“


Quelle? Das für die Corona-Virus-Krise zentrale Buch „laufend gesund“.


 
 

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