ADHS: Ozeandampfer sind träge.

14.11.2013
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Ein Würzburger Psychiater wurde 1996 weltberühmt. Als er in „Science“ zeigen konnte, dass ein einzelnes Gen das Verhalten messbar beeinflussen kann. Dabei ging es – wie könnte es anders sein – um das Glückshormon Serotonin. Wird genetisch der Serotonin-Transporter gestört, sind wir besonders anfällig für Angststörung.

Beflügelt von seinem Erfolg, machte sich dieser Psychiater, Prof. Lesch mit seinem Kollegen Prof. Warnke auf die Suche nach dem ADHS-Gen. Die beiden haben vor 5 Jahren (erst vor 5 Jahren!) sogar den „Weltverband für ADHS“ gegründet. Das Ganze bedeutet: In Würzburg kennt man sich mit ADHS besonders gut aus.

Kein Wunder, dass die ADHS-Diagnose in Unterfranken bei 19% aller 9 – 11-jährigen Buben gestellt wird. Deutschlandweit nur 12%. Und dass in Unterfranken 13,3% der Schulbuben ihre Psychopille zum Pausenbrot einnehmen. Deutschlandweit nur 6,5%.

Dazu Schlenker von der Barmer GEK: „Wir müssen aufpassen, dass die ADHS-Diagnostik nicht aus dem Ruder läuft und wir eine ADHS-Generation fabrizieren. Pillen gegen Erziehungsprobleme sind der falsche Weg“. Erstaunliche Worte. In meinen Augen: Erstaunlich vernünftige Worte.

Genau so denken aber inzwischen die zwei Protagonisten, welche diese spezielle Würzburger ADHS-Situation angestoßen haben: Warnke heute:

„Was wir gelernt haben, ist paradox. Je mehr wir von der Genetik wissen, desto stärker müssen wir uns auf das nicht-genetische besinnen: Auf die psychosozialen und lebensgeschichtlichen Einflüsse“.

Auf diesen Satz wollte ich hinaus. Epigenetik statt Genetik. Weltweit in der Wissenschaft im Vormarsch. Da hat sich das Denken der ursprünglich reinen Genetiker um 180 Grad gedreht. Noch ein Beispiel?

„ADHS ist ein Extrem einer Persönlichkeitsvariante, das zunächst einmal gar keinen Krankheitswert besitzt“. Bestätigt ausgerechnet der Würzburger Psychiater Prof. Lesch. Der mit der ADHS-Genforschung. Und für mich, für meine Praxis, für meine Wortwahl so außerordentlich wertvoll, weil genau auf der Linie der Frohmedizin:

Lesch: „Der hohe Energiepegel, der Enthusiasmus, sich mit einer Sache auseinander zu setzen, die hohe Kreativität, die Fähigkeit zum Querdenken und der Gerechtigkeitssinn – all das sind Ressourcen, die für unsere Gesellschaft wichtig sind“.

Das sei nämlich bei (der milden Form) von ADHS festzuhalten. Nur – und jetzt kommt`s –

„In falscher Umgebung jedoch können die Vorzüge als Defizite wahrgenommen werden – und zur Gabe von Medikamenten führen“. Also von Ritalin.

Die Wissenschaft, die ursprünglich an eine genetische Ursache dachte („da kann man eben nichts machen“) wissen heute um die Epigenetik. ADHS ist ein Wahrnehmungs- und Erziehungsproblem. Dummerweise haben die Wissenschaftler ein Denken angestoßen, das sich langsam und träge wie ein Ozeandampfer voranschiebt und eben nicht so schnell zu stoppen ist.

Lehrer, die vor 15 Jahren sich noch weigerten, ADHS-Fragebögen zu ihren Schülern auszufüllen, weil sie nicht schuld sein wollten an der Tablettenausgabe, diese Lehrer haben inzwischen die Scheu vor Medikamenten längst verloren und sind überzeugt, „dass die Zahl der gestört ablenkbaren Kinder deutlich zugenommen habe“.

Das rollt wie eine Lawine durch Deutschland. Eben nicht mehr zu stoppen. Erinnern Sie sich? Prof. Hans von Storch zur Klimakatastrophe? Er selbst weiß, dass das nur ein Rechenmodell war. Ein falsches. Nicht stimmt. Nur hat er eben eine riesige, träge CO2-Lawine angestoßen: Die Politik, die Industrie kann er jetzt nicht mehr stoppen. Wahrscheinlich für Jahrzehnte nicht.

Wissen Wissenschaftler um ihre Verantwortung?

 
 
 

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