An der Nase herumgeführt

24.06.2019 | Strunz
 

Immer mehr interessieren mich weniger die nackten Tatsachen, als vielmehr die Art, wie wir Menschlein miteinander umgehen. Wie wir uns gegenseitig an der Nase herumführen. Wenn man das ganze mit einigem Abstand betrachtet – wenn man das kann – wirkt es oft außerordentlich erheiternd und erfrischend. Sogar wenn es um das Thema Cholesterin und Herzinfarkt geht.


Eigentlich ein ernstes Thema. Für viele von Ihnen. Die mir – so wie heute – bedrückt gegenüber sitzen. Und von dem unerwarteten Herzinfarkt sprechen. Und von der Angst vor dem zweiten Infarkt. Die Ehefrau sitzt daneben und nennt Sie: Schwer depressiv. Sie selbst merken das gar nicht mehr.


Aber zurück zum unterhaltsamen Teil. Wenn Cholesterin Herzinfarkt macht, dann müsste man durch Senkung des Cholesterins den Herzinfarkt völlig beseitigen. Tja: Seltsamerweise nimmt ja die Anzahl der Herzinfarkte in Deutschland trotz massiven Tabletteneinsatzes zu.

Spricht sehr für die Pharmaindustrie. Wie die es täglich schaffen, grobes, eindeutiges Versagen dennoch in Millionengewinne umzuwandeln...Beim Thema Cholesterinsenker kann man wunderbar studieren, wie das klappt:


Schon 1992 hat Ravnskow (Brit Med J 305,15) alle 22 Studien, in denen man mit Cholesterinsenkung eine Veränderung der Sterblichkeit erreichen wollte, ausgewertet. Das Ergebnis war verblüffend:

Durch Senkung des Cholesterins ergab sich keinerlei Auswirkung auf die Gesamtsterblichkeit oder Sterblichkeit durch Herzerkrankung. Weshalb nicht?

Die Anzahl der positiven Studien war ebenso groß wie die der negativen Studien. Nur: Die positiven Studien wurden in der Presse und in Fachzeitschriften fünf bis achtmal häufiger zitiert (das wurde ausgezählt!) als die negativen Studien.

Schlussfolgerung: Der Irrtum, zu glauben, mit einer Senkung des Cholesterins (durch Tabletten oder Diät) würde man länger leben, beruht auf „einer einseitigen Sichtweise der Medien“.


Dazu meinte übrigens Prof. E. Ernst in Wien: „Die Publikation liest sich wie ein Kriminalroman. In schlichten Worten lautet die Schlussfolgerung: Cholesterinsenkung bringt nicht den gewünschten Effekt bezüglich Erkrankung oder Sterblichkeit. Der Grund, weshalb nahezu jeder Arzt und ein Großteil der Bevölkerung vom Gegenteil felsenfest überzeugt sind, liegt laut Meinung des Autors in der einseitigen Presse“.

Nachzulesen 1992. Erinnern Sie sich noch? „Die Vitaminlüge“ im Spiegel 2012? 20 Jahre später. Es hat sich nichts geändert.

Das Peinliche sind die entscheidenden drei Worte von Prof. Ernst, nämlich: „...nahezu jeder Arzt“. Die sind den Medien nämlich genau so ausgeliefert wie Sie. Die haben einfach die Zeit nicht mehr, wirklich nachzulesen.

Sie, liebe Leser, sind privilegiert. Sie haben am Beispiel der “Vitaminlüge“ (eine Serie von News) in den zwei Wochen damals gelernt, wie die Pharmaindustrie ihr Geld verdient, nämlich Meinung macht. Besonders eindrucksvoll ja der Artikel „Und Nummer 4?“ vom 08.05.2013.

Mein ärztlicher Rat: Glauben Sie der Natur. Laufen Sie los!

 
 

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