Botox - Psychologie

22.10.2016
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Eine Stufe höher. Da hat jemand nachgedacht und sich erhoben über das banale Botox-Problem. Das Falten-glätten der persönlichen Eitelkeit wegen. Die jetzt folgenden Gedanken passen sehr zur Forever Young-Philosophie und stammen – fast selbstverständlich! – von einer Frau. Einer sehr überlegten, klugen Persönlichkeit, der Hautärztin Dr. Yael Adler (Berlin). Autorin von „Haut nah“. Hören wir einfach mal zu:

„Leute, die den ganzen Tag angespannt vorm Bildschirm sitzen und eine tiefe Zornesfalte haben, dadurch vielleicht sogar Kopfschmerzen entwickeln – wenn man denen diese Falten entspannt (mit Botox!), dann merkt das die Umwelt kaum. Aber der Betroffene wird entspannter.

Psychiater nutzen das sogar als Antidepressivum: Wenn man böse guckt, dann  denkt das Gehirn: Es geht mir schlecht. Und wenn man nicht mehr böse guckt, dann denkt das Gehirn: Alles super.“

Welch elegante Überhöhung von Botox. Gedanken, die Ihnen und mir völlig vertraut sind. Stichwort Becker-Faust! Verändere den Körper, dann folgt der Geist, die Seele.

Das schlimme daran ist, wie üblich, die Übertreibung. Auch dazu ein paar Gedanken von Frau Dr. Adler:

„Manche Menschen glauben, dass sie hübsch sind, wenn sie ihr ganzes Gesicht totbotoxen und sich nur noch die Augen in den Höhlen bewegen und der Mund auf und zuklappt.

Dabei sehen sie grotesk aus.

Die Signale, die die Leute dann an die Umwelt senden, sind falsch. Wer in der Kommunikation nicht mehr mit der Mimik arbeiten kann, wird missverstanden, weckt Antipathien und Aggressionen.

Es gibt sogar Anhaltspunkte dafür, dass man in der Zeit nach ausgedehnten Botox-Behandlung teilweise verlernt, empathisch zu sein.

Denn das, was man selbst nicht mehr empfinden und ausdrücken kann, das kann man bei anderen auch nicht mehr erkennen.“

Schau schau. Jetzt habe ich verstanden. Sie finden in den Medien sehr, sehr viele tot-gebotoxte Gesichter. Von prominenten Persönlichkeiten. Meist mit Schlauchlippen. Von den Bildern bin ich immer zurückgeschreckt. Jetzt weiß ich, weshalb.

Wenn man Empathie ausschaltet – und das scheint man hier ganz mechanisch zu können – steht man nicht mehr einem Mitmenschen, sondern einem Roboter gegenüber. Mag ich nicht. Über meine Mitmenschen mag ich mich ärgern (oft genug) oder freuen (kommt auch vor). Mit Robotern hab ichs nicht so…

 

Quelle: FAS 28.08.2016, Seite 17

 
 
 

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