Carpe Diem Wellbeing Guide 2006 - Interview mit Ulrich Strunz

24.02.2006
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Für den Carpe Diem Wellbeing Guide 2006 spricht Laufpapst Ulrich Strunz über Sinn und Unsinn von Wellbeing-Angeboten und umreißt seine persönlichen Ansprüche an ein Hotel.

Braun gebrannte Haut, strahlend weiße Zähne uns schalkhaft blitzende Augen. So kennt sie Fitness-Welt Ulrich Strunz. Vor gut zehn Jahren brach der Mediziner, der selbst erst Mitte 40 zum Laufsport gekommen war, einen neuen Fitness-Trend vom Zaun. Mit seinen Sachbüchern brachte er Hunderttausende dazu, sich einen gesünderen Lebensstil zuzulegen. Sein Credo: Die richtige Bewegung ist der Schlüssel, das Um und auf der Gesundheit. "Laufe jeden Tag, das ändert Dein Leben".
Bei seinem Aufstieg zum "Laufpapst" kamen Strunz drei Eigenschaften zu Hilfe: Seine Sachkenntnis als Mediziner und Wissenschaftler, sein Talent, komplizierte Sachverhalte auf einen Nenner bringen ("Forever Young"-Programm) und mediengerecht zu präsentieren, sowie seine innere Begeisterung, basierend auf Authenzität: der 19-fache Ironman lebt offensichtlich selbst, was er empfiehlt.
"Strunz" ist inzwischen eine renommierte Marke. Seine Werke sind in 15 Sprachen übersetzt worden und haben eine Auflage von vier Millionen Exemplaren erreicht. In den vergangenen Jahren entwickelte der 62-Jährige eine erfolgreiche Diät und forschte an der Wirkungsweise von Vitaminen und Hormonen. Seine "Forever Young"-Seminare, mit denen er einst ganze Hallen füllte, gibt er heute in erster Linie für Führungskräfte. Strunz lebt und arbeitet als Internist in Bayern.

Warum gerade Laufen? Es ist am natürlichsten.

CD: Her Strunz können Sie und kurz schildern warum gerade Laufen in Ihrem Denken einen zentralen Stellenwert einnimmt?
Dr. Strunz: Laufen ist die natürlichste Fortbewegungsart der Menschen. Ein Kind lernt als erstes Laufen. Und ich meine, dass der Mansch das natürlichste, was er tun kann, sein ganzes Leben lang beibehalten soll! "Lauf jeden Tag" ist eine Gebrauchsanweisung, die das Leben verändert.
CD: Laufen macht auch glücklich?
Dr. Strunz: Eindeutig. Wir sagen heute in der Medizin: Laufen als Ausdauersport ist das stärkste Antidepressivum, das wir derzeit in der Hand haben. Warum ist das so? Serotonin, Endorphine, Dopamine, wie die Glückshormone heißen, steigen an, wenn ich bei richtigem Tempo eine halbe Stunde laufe.
CD: Stellt sich dieser Glücksfaktor auch bei Nordic Walking ein?
Dr. Strunz: Ja, wenn man den richtigen Pulsbereich erreicht.

Nordic Waking? Ein glänzender Einstieg

CD: Was halten Sie generell von Nordic Walking? Damit soll sich ja effizienter Fett verbrennen lassen, weil man noch mehr Muskeln aktiviert als beim Laufen.
Dr. Strunz: Nordic Walking ist zwar etwas künstlicher, aber aus einem anderen Grund sensationell: Einige Millionen Menschen sind in den letzten Jahren zum Laufen gekommen. Noch mal so viele würden es gerne tun, können es aber nicht weil sie zu dick sind oder die Hüfte kaputt ist. Und genau die kriegen wir jetzt mit Nordic Walking. Zwar wird Nordic Walking als schonende Sportart angepriesen. Aber die Laute sind dann verblüfft, wenn sie merken, dass es viel anstrengender ist als sie dachten. Und dabei specken sie ab. Nordic Walking ist ein glänzender Einstieg. Natürlich meine ich, später soll jeder mal joggen.
CD: In den letzten Jahren hochgekommen sind auch Power-Walken oder Barfuß-Walken. Alles nur eine Mache oder Ausdruck "authentischen" Bewegungsdrangs?
Dr. Strunz: Der Mensch reagiert auf neue Reize. Ich werte auch dieses Angebot als einen positiven Versuch, zur Bewegung zu verführen. Dadurch wird ein Einstieg geschafft.
CD: Regelmäßige und richtige Bewegung ist also der Schlüssel zur Gesundheit, das Um und Auf. Was steht sonst noch im Vordergrund?
Dr. Strunz: Die geistige Einstellung spielt natürlich eine ganz wichtige Rolle. Und die richtige Ernährung. Die ganze Bewegung funktioniert natürlich nicht, wenn z.B. das Jod fehlt. Oder das Kalium. In den medizinischen Handbüchern ist von 47 essentiellen Substanzen die Rede, die der Mensch durch die Ernährung abdecken muss. Mit der Wirkungsweise dieser Substanzen beschäftige ich mich seit 25 Jahren.

Herkömmliche Standard-Diäten? Psychologisch unklug

CD: Ihre "Forever Young"-Diät hat vor kurzem bei einem Abspeck-Wettbewerb im deutschen Sender RTL die Konkurrenz-Produkte (Brigitte, Atkins, Weight Watchers) in den Schatten gestellt. Sind diese Diäten also ungeeignet?
Dr. Strunz: Nein, da steckt viel Überlegung dahinter. Sie funktionieren aber alle nach dem Prinzip, Kalorien über Essen reduzieren. Das ist psychologisch unklug. Jede Diät stirbt nach einigen Wochen. Die "Forever Young"-Diät bietet stattdessen einen positiven Ausweg, der lautet: Renn, werde fit und schlank. Einen anderen Ansatz als Bewegung gibt es nicht, um längerfristig Erfolg zu haben. Und plötzlich merkt man, dass der Faktor Essen nur ein Beiwerk ist.
CD: Dann ist also die "Forever Young"-Diät gar keine Diät im klassischen Sinn?
Dr. Strunz: Ihre Basis ist Bewegung, und die rettet uns für das ganze Leben. Das wär’s dann schon, wenn die Menschen nicht ungeduldig wären und bereits in den ersten zehn Tagen Erfolg sehen wollen. Deswegen, und nur aus dem Grund, ist auch die Ernährung Bestandteil dieser Diät. Dabei wende ich die modernsten Erkenntnisse an, die wir haben. Und die lauten Eiweiß und Obst, übersetzt: Aminosäuren und Vitamine.
CD: Ihre Diät wird nun auch in Fitness-Studios angeboten.
Dr. Strunz: Mit Riesen-Erfolg. Seit die Fitness-Studios die "Forever Young"-Diät mit Nordic Walking anbieten, haben sie plötzlich ganz andere Kunden. Die Menschen haben im Grunde genommen nur ein Ziel. Die wollen nicht fit sein, die wollen ihr Fett verlieren. Wer das in eine angenehme standardisiert Form bringt, der hat den Menschen geholfen.
CD: Eine These von Ihnen lautet ja, dass sich jemand, der regelmäßig Sport betreibt, automatisch auch gesünder ernährt. Der Hunger auf Fast Food läuft sich also tot, könnte man sagen.
Dr. Strunz: Genau so ist es. Dafür ist der Begriff "somatische Intelligenz" geprägt worden: Der Körper sagt mir schon was er braucht. Als ich zu laufen begonnen habe, konnte ich plötzlich kein Fleisch mehr riechen. Genauso ging es mit Wein, den ich bis dahin leidenschaftlich gerne getrunken hatte. Stattdessen nahm der Körper den Apfel oder den Obstsalat mit höchstem Genuss an.

Trainieren im hohen Alter? Ja aber…

CD: Sie haben erst mit 45 Jahren mit dem Ausdauersport begonnen und bald darauf Marathon- und Triathlon-Bewerbe absolviert. Zeigt Ihr Beispiel, dass es nie zu spät ist, sich körperlich zu verbessern?
Dr. Strunz: Es gibt eine Untersuchung, die nachweist, dass die Muskelzellen eines 80-jähringen genauso trainierbar sind, wie die eines 20-jährigen. Das ist für mich zunächst mal eine Frohbotschaft. Dass ältere Menschen auf ihrem Niveau trainieren und auf die Gelenke Rücksicht nehmen müssen, das ist natürlich klar.

Wellbeing-Hotel? Da will ich genießen

CD: Herr Dr. Strunz, lassen Sie uns auf ein anderes Thema kommen. Der Carpe Diem Wellbeing Guide beschäftigt sich mit dem Top-Segment der Wellbeing-Hotels. Wenn Sie sich in einem guten Wellbeing-Hotel einquartieren, was darf auf keinen Fall zu kurz kommen.
Dr. Strunz: Der Genuss. Wie alle Leute will ich bei Tisch verwöhnt werden. Ich will aber genau wissen, was ich auf den Teller bekomme. Von einem Apfel, der drei Tage herumliegt und nur mehr 20 Prozent seine Vitamine hat, habe ich nichts! Ich will also Buffet-Kost. Daneben könnte ein Schild stehen, auf dem zu lesen ist: Der Apfel kommt vom Bauern XY, oder die Eier sind heute gelegt worden. Wenn ich z.B. lesen würde: "Frischobst, heute gepflückt", wäre das für mich ein Grund, nur mehr in dieses Hotel zu kommen.

Bewegung? Eine Sache der Verführung

CD: Ist ein Wellbeing-Aufenthalt ohne Fitness-Angebote wie Laufen, Nordic Walking oder Radfahren überhaupt zielführend?
Dr. Strunz: Die Leute wissen heute viel besser als vor fünf Jahren, dass zu Wellbeing auch Bewegung gehört. Dazu muss der Mensch aber verführt werden. Indem das Hotelmanagement zum Beispiel fünf nagelneue Mountainbikes vor die Tür stellt und ankündigt: "Morgen früh kommt der Toni und der führt euch mit dem Bike auf die Höhe, da habt ihr einen Blick, den ihr noch nie gehabt habt". Dass man dafür auch 2000 Höhenmeter bewältigen muss, darüber rede ich gar nicht. So hab ich schon mal zur Fitness verführt, aber eben mit anderen Worten.
CD: Die meisten der getesteten Hotels liegen im Alpenraum. Nun gibt es Untersuchungen, die Wandern und Bewegung in Höhenlagen noch größere Wirkung attestieren.
Dr. Strunz: Das ist eindeutig so. Die Luft ist dünner, dadurch wird der Körper aufgefordert – stärker als im Flachland – neues Blut zu bilden. In unmittelbarer Nähe der Alpen ist man da eindeutig besser dran.
CD: Wir haben schon zwei Säulen für einen gesunden Lebensstil festgestellt: Regelmäßige Bewegung und richtige, ausgewogene Ernährung. Wie wichtig ist die Entspannung nach Phasen der körperlichen Anspannung?
Dr. Strunz: Die geplagten Muskeln wieder weich kneten lassen, das gehört zur Anstrengung einfach dazu. Und so muss man Massagen, Ayurveda und Sprudelbäder auch übersetzen: Als Teil eines Rituals, das Stressabbau und Muskelentspannung zur Folge hat. Mir persönlich ist es am angenehmsten, mich ordentlich massieren zu lassen. Passive Entspannung genügt eigentlich.
CD: Was halten Sie von jemandem, der ein Wellbeing-Wochenende ausschließlich am Pool, in der Sauna oder beim Masseur verbringt?
Dr. Strunz: Damit habe ich überhaupt kein Problem. Ich denke mir, das ist ein angestrengter Manager, der die ganze Woche viel geschuftet hat und im Grunde genommen nur schlafen will. Er holt das beim Masseur oder am Pool nach. Wenn er dann nach drei Tagen völlig ausgeruht ist, kommt die Aktivität von alleine dazu.
CD: Reine Entspannung vermag die Batterien also nur kurzfristig aufzuladen, während regelmäßige Bewegung in Kombination mir Ernährung nachhaltig wirkt?
Dr. Strunz: Stimmt. Wenn Sie auf Dauer gesund, schlank, fit und fröhlich sein wollen, geht es ohne Ausdauersport nicht.
CD: Nun funktionieren Wellbeing-Hotels nach dem Genuss-Prinzip. Wie groß ist die Gefahr, dass man sich alles kaputt macht, was man sich hart erarbeitet hat?
Dr. Strunz: Ich sehe da keine Gefahr. In einem guten Wellbeing-Hotel werden ja nicht Schweinsbraten und Sülze angeboten, sondern frisch und hochwertig zubereitete Speisen. Der Küchenchef weiß, dass er besonders schöne Salate und Obstsalate präsentieren muss und nur hochreines Olivenöl verwenden darf, weil es eben um Gesundheit geht.
CD: Sie haben unlängst die "Stern-Diät" heraus gebracht, die Rezepte von einem Sterne-Koch beinhalten. Höchstgenuss ohne schlechtes Gewissen ist also möglich?
Dr. Strunz: Ja. Dabei handelt es sich um eine "Forever Young"-Diät. Nur dass wir einen Sterne-Koch gefunden haben, der sich den Ernährungsteil noch mal angeschaut und auf Sterne-Niveau gebracht hat. Diese "Sterne-Diät" ist dann zum Renner geworden.

Mindness im Hotel? Da bin ich grundsätzlich konservativ

CD: Es gibt immer mehr Angebote, die in Richtung balanciertes Denken, Self Empowerment, Mentaltraining und Sinnerfüllung gehen. Sollten Wellbeing-Hotels so etwas anbieten.
Dr. Strunz: Eher nicht. Das gibt ihnen einen Touch, der nicht zu ihnen passt. Ich halte sehr viel vom nüchternen Verstand, der freilich verwöhnt werden will.
CD: Trendforscher haben bereits das Ende des Wellness-Zeitalters eingeläutet. Nun sei vielmehr Mindness der Trend, befindet zum Beispiel Mattias Horx. Was halten Sie davon?
Dr. Strunz: Positiv formuliert kann man sagen: Mindness gehört zur Wellness, denn Geist und Körper gehören zusammen. Grundsätzlich bin ich da aber konservativ. Mit Laufen oder Massieren kann man einfach nichts falsch machen. Genauso wenig wie mit Obstsalat und Fisch, der edel zubereitet wird. Mein Rat ist: Bleib bei dem, sonst kommst du in Teufels Küche! Es gibt Sachen, die sich seit 2000 Jahren bewährt haben.
CD: Und was antworten Sie jemandem, der Ihnen auf die Frage nach seinem Gesundheitsgeheimnis mit Winston Churchill "No Sports" kontert?
Dr. Strunz: Die korrekte böse Antwort würde lauten: Churchill saß im Rollstuhl, hatte einen Schlaganfall, war gelähmt. Wenn ich mir aber Hochleistungssportler ansehe, sage ich mir, der Mann hatte Recht. Die sind oft mit 30, 35 am Ende. Wir betreiben allerdings keinen Leistungssport. Wir trainieren leicht und lächelnd bei richtigem Puls. Und dann wird es wertvoll.
CD: Herr Dr. Strunz, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 
 
 

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