Das schlechte Gewissen

14.01.2017
 

sieht man Ihnen häufig an, mir gegenüber sitzend mit Übergewicht und der verschämten Bemerkung: „Herr Doktor, ich weiß, ich müsste mich mehr bewegen, ich müsste laufen.“ Auf Ihr schlechtes Gewissen bin ich stolz. Denn das hätten Sie gegenüber Ihrem Hausarzt wahrscheinlich nicht.

Von mir erwarten Sie irgendeine Ansprache, in dem Sinne von: „Laufen Sie endlich Marathon“. Nur enttäusche ich Sie regelmäßig. Ich bin kein Biologe. Ich bin kein Lauftrainer. Ich bin Arzt. Kann mich in Sie einfühlen und habe Verständnis für Ihre Probleme, Ihre Schwierigkeiten. 

  • Bei diesem Ihrem massiven Übergewicht: laufen? Lassen Sie´s. Ich kümmere mich erste einmal um 20kg Fettverlust. Dann reden wir weiter.
  • Bei diesem Ihrem Energiestatus? Schlapp, ständig müde, schon morgens lustlos… und dann laufen. Vergessen Sie´s. Ich kümmere mich erst einmal um Ihre Energiespeicher. Geht oft leichter, als Sie glauben.

Dennoch bin ich stolz, in Deutschland mitgeholfen zu haben an der Grundidee: Bewegung ist Leben. Sie müssen sich bewegen, wenn Sie leben möchten. Dass der Gedanke Ihnen so vertraut ist, heißt noch lange nicht, dass das auch für Ihre Mitmenschen gilt. Dazu darf ich – weil es mir am Herzen liegt – noch einmal die News vom 14.11.2009 zitieren:

Bewegung ist Leben

lesen Sie. Zum hundertsten Mal. Und denken sich nichts Böses dabei. Denken sich „ja ja, weiß ich schon. Drum jogge ich ja zweimal die Woche.“

Dass dieser Satz eine Sensation bedeutet in der Medizin, dass dieser Satz immer noch entschieden bestritten wird in der deutschen Medizin, käme Ihnen gar nicht in den Sinn. Dazu zwei kleine Geschichtchen:

  1. Der wahre deutsche Laufpapst war Dr. Ernst van Aaken. Der sogar auf die Frage, was man tun solle, wenn einen während eines Waldlaufs der Herzinfarkt ereile, wörtlich gesagt hat „weiterlaufen!“. Zitat: “Eine gekonnte Provokation angesichts der Schäden, die eine Ruhigstellungsmedizin über viele Jahrzehnte zu verantworten gehabt hatte (tatsächlich ja nie zu Verantwortung gezogen wurde) und, das muss man leider sagen, auch bis heute noch mancher Orts zu verantworten hat“. Zitat Ende.
  2. Von wegen mancher Orts. Da hatte ich mir vor ein paar Jahren neben Handgelenk, Rippen und Wirbelsäule auch meine Kniescheibe gebrochen. Ein Operationsversuch schlug fehl. Das Knie war voll Eiter, die Kniescheibe heilte nicht. Antwort der Medizin: Bettruhe. Nicht mit mir. Geschient und unter grauenvollen Schmerzen habe ich mich durch die Gänge des Krankenhauses am Gehwägelchen dahin gequält. Wissend, dass Bewegung die Durchblutung um den Faktor 10 steigert und dadurch Heilung überhaupt erst möglich wird. Unverständnis der beiden betreuenden Chefärzte: die haben mich täglich dafür gerügt. Ruhigstellungsmedizin heute.

Bewegung ist Leben. Vielleicht verstehen Sie die Dringlichkeit dieses Satzes jetzt ein kleines bisschen besser.

Übrigens: weil ich doch immer lieber lache als weine, abschließend ein Satz des Enkels von Dr. van Aaken, nachzulesen im Internet : „Laufe langsam, laufe täglich, trinke in Maßen und iss nicht wie ein Schwein.“

Da kennt jemand seine Patienten.

 
 

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