Das Streben nach Perfektion

28.08.2016
Drucken
 

Disziplin, Ordnung, Sauberkeit und Willensstärke beschreiben eine Lebenseinstellung, die von einem deutschen Politiker so ganz bezeichnend diffamiert worden ist. Das seien Sekundärtugenden. Mit denen könne man auch ein KZ betreiben.
Oh, Junge! Habe ich mir damals gedacht. In was für einer Welt du leben musst. Könnte die Welt „Berlin“ heißten? Oder beschreibst du hier eine politische Denkweise, die seit Anbeginn der Zeiten versucht hat, die Menschheit zu beglücken und … seit Anbeginn der Zeiten gescheitert ist?

Dieser glückliche Politiker weiß nichts von uns. Von uns Arbeitern. Damit meine ich Ärzte. Haben Sie bitte mal keinen Autounfall, werden Sie bitte nicht mit Blaulicht schwer zertrümmert eingeliefert und erleben Sie jetzt bitte mal nicht eine 8-stündige, lebensrettende Operation:
Wenn das Chirurgenteam, das sich jetzt um Sie kümmert, nicht an Disziplin, Ordnung, Sauberkeit glaubt, sondern sich nach zwei Stunden die Stirn abwischt und sagt: „Hab gerade keine Lust mehr…“, dann sind Sie tot. Und wenn die nach fünf extrem anstrengenden Operationsstunden ein kleines bisschen unordentlich werden und Ihre Knochen falsch verschrauben… Sind Sie ein Krüppel fürs ganze Leben.
Haben Sie sich das jemals bewusst gemacht? Was ein Chirurg während einer sieben-stündigen Lungenoperation tatsächlich leistet? Ich meine, neben dem Handwerk? Der kann sich nicht eine Sekunde Unachtsamkeit, Müdigkeit, Überlastung oder Schmerzen am Kreuz leisten. Kann er nicht.

Das ist täglich gelebte Realität. Von der viele, viele Politiker ganz offensichtlich nichts wissen, wie ich deren täglichen Reden entnehme. Passt auch gar nicht in die heutige Zeit, in der man sich „cool selbstverwirklicht“. Wenn man müde ist, setzt man sich hin. Wenn man nicht mehr mag, hört man eben auf. Unvorstellbar im Operationssaal.

Deshalb hat mich die Selbstbeschreibung eines Koches so verwundert und erfreut. Von Tim Raue (42), einer der weltweit erfolgreichsten Spitzenköche. Mit drei Restaurants in Berlin. Ausgerechnet Berlin. Der doch tatsächlich über sich selbst schreibt:

    „… Es hat lange gedauert, bis ich mir selber die Frage gestellt habe, warum wir Deutsche nicht zu unserem Land stehen, warum wir so ein massives Identitätsproblem haben. Es war zu Beginn meiner Karriere als Koch. Immer wieder war ich mit dem Stolz der Franzosen auf ihre Küche und ihr Land konfrontiert. Das hat mich dazu bewegt, über meine Identität nachzudenken.

    Ich bin Berliner, Preuße, also Deutscher. Ich mag Disziplin, Ordnung, Sauberkeit, Ehrgeiz und vor allem Willensstärke.

    Wenn ich durch die Welt reise und zum Beispiel in Asien koche, ist es meine organisierte Art, die den Menschen dort auffällt. Die Selbstverständlichkeit, mit der ich einen Plan erarbeite und dann umsetze.

    Ich verfüge nicht über die Gabe, die Dinge schleifen zu lassen und zeige auch keine Gelassenheit, wenn etwas schiefläuft. Meine Ernsthaftigkeit und mein Streben nach Perfektion nervt manche. Aber es hat mich immerhin auf die Liste der 50 besten Restaurants der Welt gebracht.“

Dass in Deutschland einmal ein Mensch öffentlich zugibt:

    „Ich verfüge nicht über die Gabe, die Dinge schleifen zu lassen und zeige auch keine Gelassenheit, wenn etwas schiefläuft.“

Und das in einer Stadt wie Berlin mit einem Ex-Bürgermeister Wowereit.

Tim Raue hat das Berufsbild des Arztes beschrieben. Als Koch. Und wie ich weiß, auch das Denken und Tun sicher mehr als der Hälfte der Menschen in diesem Lande.

Sollten wir nicht ein bisschen besser zusammenhalten? Und sagen, worauf wir stolz sind? Vielleicht in einer neu gegründeten „Deutsche Gesellschaft für ernsthafte Ärzte“. Tim Raue würde ich als Ehrenmitglied mit aufnehmen.

Quelle: BILD, 28.07.2016, S. 2

 
 
 

News Schlagwörter