Der freie Wille

10.10.2016
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Gibt’s nicht. Abgeschafft. Wir sind „Marionetten, gelenkt vom Erbgut“, behaupten inzwischen eine ganze Reihe von Hirnforschern, in Deutschland besonders Prof. G. Roth und Prof. W. Singer. Die einen „totalen Determinismus“ konstruiert haben.

Die zwischenzeitlich ja sogar unser Rechtssystem umbauen wollten, weil wir angeblich so etwas wie „Marionetten sind, gelenkt vom Erbgut, Milieu, Erziehung, Chemie, neuronaler Vernetzung usw.“ Roth behauptet sogar „nicht das Ich, sondern das Gehirn entscheidet“.

Woher weiß der das?

Schuld ist Deecke (78). Deutscher Neurologe. Der eine sehr eigenartige Entdeckung gemacht hatte:

Probanden mussten immer wieder den rechten Zeigefinger krümmen. Deecke maß die Gehirnpotentiale. Und fand eines, dass etwa 1,2 Sekunden vor (noch einmal vor!) der Fingerkrümmung auftat. Nannte er das „Bereitschaftspotential“.

Daraus folgerten Hirnforscher wie der Physiologe B. Libet, dass durch dieses Potential eine Kausalkette ausgelöst wird, die dann unausweichlich zur Handlung der Person führt, in dem Fall zur Fingerkrümmung. Die Person habe also keinen eigenen Willen mehr.

Der Entdecker dieses Potentiales, Deecke, hält das Ganze für Unsinn. Der interpretiert das ganz anders. Er sieht im Unbewussten ein superintelligentes Filter (bitte denken Sie über das „superintelligent“ nach!). Dieses Unbewusste, so Deecke, sortiert vor und legt dem Bewusstsein sozusagen nur unterschriftsreife Agenden zur Entscheidung vor. Am Ende ist der Wille immer beteiligt, so Deecke.

Dieses von ihm gemessene Potential sei also eine Möglichkeit. Entscheiden müsse der Mensch dann immer noch selbst. Und jetzt wird´s lustig:

„Wie schwer es aber der Wille haben kann, sich durchzusetzen, weiß jeder, der schon einmal versucht hat, mit dem Rauchen aufzuhören…

Ja, unsere Willensfreiheit ist uns nicht in die Wiege gelegt, wir müssen sie uns erst erarbeiten (!!!). Unsere Freiheit ist kein gesicherter Zustand, sondern ein dynamischer Prozess. Und mit jeder Sucht purzeln meine mühsam erworbenen Freiheitsgrade in den Keller.

Zum Glück lassen die sich auch wieder erarbeiten und trainieren.

Verstanden? Unser Unterbewusstsein ist superintelligent. Das weiß einfach. Einverstanden. C.G. Jung hat recht. Dieses Unterbewusstsein legt uns nun „unterschriftsreife Agenden“ vor.  Jeden Tag, jede Stunde, in jeder Minute.

Ob wir und was wir unterschreiben, wird vom Menschen dann eben doch willentlich gesteuert. Sehr hübsch aber der Gedanke, dass es mit diesem Willen so gar nicht weit her ist. 

Unser Wille ist ein schwaches Gebilde. Bricht oft genug zusammen. Muss erst wieder aufgebaut werden. Ist nichts „gesichertes, sondern ein dynamischer Prozess“.

Mit meiner persönlichen Kaffeesucht purzeln also mühsam erworbene Freiheitgrade in den Keller. Einverstanden. Drum lebe ich alle paar Wochen für wiederum ein paar Wochen kaffeefrei. Bisher dachte ich: „Um es mir zu zeigen, um es mir zu beweisen“. Jetzt weiß ich: Ich muss meinen Willen immer wieder neu erarbeiten und trainieren.

 

Quelle: DER SPIEGEL 34/2016, Seite 104

 
 
 

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