Der Prophet des Laufens

10.09.2008
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Internist und Ironman: Dr. Ulrich Strunz über Gesundheit, Glückshormone und die Fähigkeit, sich zu konzentrieren. Ein Interview.

Auf Fotos strahlen Sie meistens. Sind Sie ein glücklicher Mensch?
Geworden. Ich war sehr erfolgreich, aber angestrengt und hatte täglich Migräne. Dann habe ich das Laufen entdeckt, und ich wurde glücklich. Zu meinem Erstaunen kann man immer noch ein bisschen glücklicher werden.

Warum macht Laufen glücklich?
Laufen setzt die gleichen Hormone frei wie jede Droge auch. Endorphine, Serotonin, Dopamin – alles Hormone, die glücklich machen.

Wieso nicht Radfahren?
Weil wir vom lieben Gott zwei Beine bekommen haben, und kein Rad. Wir sollten nutzen, was uns die Natur mitgegeben hat und nicht künstlich abweichen.

Die Nahrungsergänzungsmittel, die Sie auf Ihrer Website propagieren, sind etwas Künstliches.
Normal essen heißt: 80 Prozent Obst und 20 Prozent Fisch oder Fleisch. Das tun genau vier Prozent der Deutschen. Ich hole die Leute da ab, wo sie sind, und sage: Wenn Ihr das nicht tut, dann habt Ihr die Möglichkeit, Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen.

Sie lehren das Laufen auf dem Vorderfuß
Jedes Kind, jedes Tier und jeder Profi rennt auf dem Vorderfuß. Auch Sie können gar nicht anders, wenn Sie ohne Schuhe laufen. Dr. Wessinghage, ein Orthopäde, 20-facher Deutscher Meister, predigt das seit 25 Jahren.

Unter Orthopäden ist das Vorfußlaufen umstritten
Einige wenige Orthopäden, die ihr Leben lang noch nie gelaufen und übergewichtig sind, wissen es eben nicht besser. Wir sollten uns auf die Natur verlassen und nicht auf so genannte Experten, inklusive mich.

Was ist ein Ideal-Puls?
Sobald Sie einen bestimmten Puls überschreiten, kommen Sie in Atemnot. Sie werden anaerob. Ich messe dann im Blut Enzyme, die den Körper zerstören. Der Sportler betreibt Selbstmord, weil er sich anstrengt. Man muss langsamer laufen mit Sauerstoffüberschuss. Sie müssen gerade ran an die Schwelle. Das ist höchste Kunst, weil diese Schwelle jeden Tag eine andere ist. Das ist eigentlich mein Thema: das richtige Laufen.

Mit Millionen verkauften Büchern haben Sie genug verdient, um sich zur Ruhe setzen zu können. Warum arbeiten Sie noch?
Ich habe als Arzt einen Eid geschworen: die Gesundheit zu erhalten und wiederherzustellen. Genau das tue ich in meinen Seminaren.

Wer besucht Ihre Seminare?
Es sind in der Regel sehr erfolgreiche Menschen zwischen 40 und 60. Jeden Tag fällt ihnen die Arbeit schwerer. Sie besuchen mich und werden nicht nur fitter und gesünder, sondern tun sich auch wieder leichter im Beruf.

Leben wir in einem Fitness-Wahn?
Sie haben völlig Recht. Aber als listiger Arzt packe ich die Leute bei ihrer Schwäche und führe sie dahin, wo ich sie haben möchte. Ich möchte, dass sie ein bisschen glücklicher werden und der Geist wach wird. Das geht allerdings über den Körper.

Warum nicht einfach meditieren?
Meditation ist physiologisch messbare Veränderung des Körpers. Nur möchte man darüber hier im Westen nichts hören. Zum Laufen kriege ich die Leute, weil sie an Anstrengung, Schweiß und Überstunden glauben.

Sie sind sehr redegewandt.
Das ist innere Begeisterung und Authentizität. Ich unterscheide mich von fast jedem Arzt dadurch, dass ich nur über Dinge rede, die ich gemessen und erfahren habe.

Man sagt, Sie hätten etwas von einem amerikanischen Prediger.
Das stimmt. Der Grund ist ein ganz einfacher: Ich habe gelernt, mich zu konzentrieren. Ich bin in jeder Sekunde da. Es gibt in Wien einen Theologen, der sagt, dies würden die Menschen mit Charisma übersetzen. Das ist die erste vernünftige Erklärung für dieses Wort. Das ist eine banale Technik, die ich schon mit 18 gelernt habe.

Haben Sie deshalb das Abitur mit einer glatten 1 bestanden?
Nein, ich bin jeden Tag um vier Uhr aufgestanden und habe erst einmal zwei Stunden gelernt. Und ich bin nie in eine Kneipe oder auf eine Party gegangen. Ich habe gedacht, wenn ich Schüler bin, dann habe ich fürs Abitur zu lernen. Punkt. Ich sehe das Leben einfach. Andere sehen das immer so wirr und wundern sich, wenn nichts aus ihnen wird.

Jemand hat über Sie geschrieben: „Der Mann ist mir unheimlich“.
Ich bin ein ganz normaler Mensch, der die Fähigkeit besitzt, sich zu konzentrieren. Das kann man lernen wie das Autofahren.

Was kostet das bei Ihnen?
Das weiß ich nicht. Ich will es nicht wissen. Das würde meine Seelenruhe stören. Ich halte es für ganz wichtig, sich nicht mit geschäftlichen Dingen zu beschäftigen. Sonst verlieren Sie den Zugang zum Menschen. Das verstehen viele Leute nicht. Wenn Sie nur über Geld nachdenken, bekommen Sie keins. Sie müssen mal über das Glück Ihrer Mitmenschen nachdenken. Dann würden die Mitmenschen nämlich „Danke“ sagen. Und dieses „Danke“ drücken sie häufig in Geld aus, gar keine Frage.

Schreiben, sprechen, als Arzt praktizieren. Woher nehmen Sie die Zeit?
Ich bin um 4 Uhr wach und gehe um 23 Uhr ins Bett. Und wer läuft, hat Zeit. Wenn ich laufe, komponiere ich meine Bücher oder diktiere die Arztbriefe. Die sind dann schon fertig in meinem Gehirn.

 
 
 

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