Dicke Dünne

06.05.2019 | Strunz
 

Ein vertrautes Phänomen für jeden Arzt: Der dicke Dünne. Meist weiblich. Ich hatte Ihnen einmal von einem Model erzählt, sehr ansprechend, sehr schlank, BMI nur 17 (also untergewichtig), die dennoch 32% Körperfett aufwies. Wir haben mehrmals nachgemessen.

Nennt man dicke Dünne, oder auch dünne Dicke. Wie Sie möchten. Und diese schlanken Model-Figuren haben doch tatsächlich das gleiche Krankheitsrisiko wie Übergewichtige.

Gewusst?

Besonders hübsch beschrieben kürzlich von Frau Dr. Fleck. Kennen Sie: Eine der Ernährungs-Docs. Die hat dieses merkwürdige Phänomen und seine Gefahren - Models, Acht geben! - überaus treffend beschrieben. Ich darf einfach zitieren:


„… äußerlich sehen sie ja schlank aus. Sie haben aber zu viel Fett- und zu wenig Muskelmasse. Man erkennt sie an schlaffen Ärmchen, kleinen Speckrollen am Bauch, schmalen Gelenken. Innerlich sind die Bauchorgane, das Herz und die Arterien verfettet. Dieses sogenannte viszerale Fett produziert Botenstoffe, die im ganzen Körper chronische Entzündungen befeuern.


Studien mutmaßen, dass dünne Dicke potentiell mehr Risikofaktoren als Dicke aufweisen, da sie kaum aktive Muskelmasse besitzen. Diese produziert nämlich Myokine - hormonähnliche Botenstoffe, die antientzündlich wirken. Deshalb weisen dünne Dicke mit einer vorbestehenden Herzkrankheit unter allen Übergewichtsrisikogruppen die höchste Sterblichkeit auf. Und sie bleiben medizinisch oft unter dem Radar.“


So kann man sich täuschen. Wenn man sich seine Bikinifigur erhungert hat. Auf Kosten der Muskelmasse. Wenn man glaubt, durch Essen alleine seinen Körper „ideal“ formen zu können. Nein, nein: Bewegung gehört immer dazu. Und freilich Krafttraining. Muskelaufbau.

Sie wundern sich regelmäßig über meinen ungläubigen Blick dann, wenn Sie über Ihr Untergewicht klagen. Und das tun Sie fast täglich. Bei einem BMI von 16, manchmal 15, haben Sie mein volles Verständnis. Und trotzdem…. Sie wissen wirklich keine Lösung dieses banalen Problemes? Wirklich nicht?


Also projeziere ich vor Ihrem inneren Bildschirm das Bild einer weiblichen Bodybuilderin. Und frage, ob die wohl Untergewicht hat. Ob die wohl unbedingt zunehmen möchte. Selbstverständlich nicht, antworten Sie.


Das war's auch schon. Instinktiv machen Sie dann ein brrrr-Gesicht. Abscheu. So möchten Sie nicht aussehen. Einverstanden. Aber Sie könnten sich doch ein 10%-Scheibchen von der Bodybuilderin abschneiden, oder? Sie könnten doch 3,5 oder 7 kg Muskelmasse zulegen. Dann wäre Ihnen doch geholfen, oder?

Langsam beginnt Ihr Gesicht zu leuchten. Ihnen dämmerts. Sie verstehen langsam, wo die Lösung liegt. Denn fettig wollten Sie ja nicht werden. Bin ich ganz auf Ihrer Seite.

Also noch einmal: Dünn zu sein, das nur durch Hungerkuren geschafft zu haben, ist oft genauso schlimm, manchmal sogar schlimmer als massives Übergewicht. Dann, wenn sie trotz geringen Gewichtes zu viel Fett und zu wenig Muskelmasse haben.

Eine Heidi Klum ist auch in diesem Punkt ein bisschen gescheiter als ihre Jüngerinnen, scheint mir.

 
 

News Schlagwörter