Die Biographie: Etwas sehr Privates

19.10.2013
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Eine Idee, auf die ich ausnahmsweise einmal nicht selbst gekommen bin, ist die, eine Biographie zu schreiben. Das haben Sie mir beigebracht. Sie bieten mir seit 15 Jahren sicher monatlich einmal an, dies zu übernehmen. Mir behilflich zu sein. Beim Schreiben einer Biographie. Denn... nun, Sie wissen schon, wie Sie das mir gegenüber begründen.

Als ob ich nicht selbst schreiben könnte.

Aber dennoch, mir ist bewusst, dass ich privilegiert bin. Dass Menschen wie Sie mir wohl gesinnt sind. Mir helfen wollen. Für mich da sein wollen. Und natürlich genieße ich dieses Privileg. Einverstanden.

Dennoch: Eine Biographie wird es von mir wohl nie geben. Das hat ganz simple, schlichte Gründe. Die ich kürzlich in solch einer (lieb gemeinten) Absage formuliert habe. Ausnahmsweise einmal ein Privatbrief:

"Liebe...

Menschen spiegeln sich in ihrer Religion. So waren mir die zehn Gebote immer unheimlich. Hier wird von Mord und Ehebruch und Verboten gesprochen. Dass Menschen auch ganz anders sein können, hat mich die Huna-Religion auf Hawaii gelehrt. Da gibt es nicht die zehn Gebote, sondern sieben Sätze. Sanfte Lebenshilfen. Sie schönste lautet wohl:

"To love is, to be happy with."

Wobei man im Laufe des Lebens langsam lernt, dass die Betonung wohl auf dem letzten Wort liegt. Das also wäre eine Erkenntnis, die in einer Biographie von mir auftauchen würde.

Ihr Brief hat mich gefreut und lächeln lassen: Was glauben Sie, wie viel fast wörtlich so gestaltete Briefe ich in den letzten 15 Jahren bekommen habe? Wie viel Menschen bereits meine Biographie schreiben wollten? Sogar schon begonnen haben...

Ich passe in keine Biographie. Ich kann nicht so lügen, wie das alle die großen Menschen offenbar können. Mein Leben kann ich auf zwei Ebenen erzählen. Bitterste Armut, ständiges Leid, ständige Niederlagen oder... Wie Ihr das gerne lesen würdet, ein Triumph, ein Glückserlebnis, ein Erfolg nach dem anderen. Beides stimmt.

Denn, um die Huna ein zweites Mal zu zitieren:

"The world is, what you think it is."

Die Gefahr dieses Satzes erkennen Sie ja spontan. Deshalb habe ich in diesem Jahr beschlossen (nach sechs ungewollten Operationen, Morphium, Rollstuhl), nie mehr auch nur eine Sekunde rückwärts zu denken. Sondern mich nur noch auf all das Schöne zu freuen, was auf mich wartet.
Mit ganz herzlichen Grüßen

Heißt ganz praktisch: Niedergeschriebene Sätze, sogenannte Fakten haben nichts zu tun mit unserer eigenen Gefühls- und Gedankenwelt. Wir denken und fühlen alle sehr viel mehrschichtiger, als die eindimensionale Sprache es darstellen könnte. Und deswegen kann/mag ich keine Biographie schreiben.

 
 
 

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