Die leidige Ungewissheit

19.10.2019 | Ulrich Strunz jun.
 

Gast News Nr. 85 von Ulrich Strunz jun.

Wenn Sie mit einem modernen Handy zufällig mit dem Google Chrome Browser arbeiten, schlägt Ihnen Google diverse News vor, die Sie interessieren könnten. Google hatte vor einem Jahr verstanden, dass bei diesen Vorschlägen auch immer Nachrichten dabei sein sollten, die von der persönlichen Überzeugung des Lesers abweichen. Sonst droht die geistige Selbstbefruchtung, und womöglich das Glauben an Verschwörungen. Entsprechend geändert wurde dann der Google Algorithmus (Hmm. Wussten Sie das? Wirklich?).

Mir werden derzeit vermehrt diverse News vorgeschlagen, in welchen Klimaforschungsstudien zurückgenommen wurden. Der Grund immer der gleiche: uncertainty. Deutsche Ökonomen übersetzen das mit Ungewissheit.


Ungewissheit ist ein Riesenthema beim IPCC, dem Weltklimarat. Im 56-seitigen „Integrated Risk and Uncertainty Assessment of Climate Change Response Policies“ wird der gesamte wissenschaftliche Prozess der Moderne zusammengefasst:

Wie kann man Risiko und Ungewissheit messen? Was ist Intuition und welchen Einfluss hat es auf meine Entscheidungsfindung? Was ist eigentlich Lernen? Was ist Wahrnehmung? Welche Werkzeuge gibt es für die Analyse von Ungewissheit und Risiko?


Im Prinzip eine kleine Zusammenfassung meiner Dissertation, und im Groben auch meiner Lehrinhalte an der FOM München.

Welche Relevanz hat das für Ihren Alltag, für Ihre Gesundheit? Fragen wir Nafees Meah. Er arbeitet für die „IRRI“, das „International Rice Research Institute“, welches als Investoren nicht nur Bill Gates hat, sondern auch diverse Regierungen. Auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Interessiert sich auch für „neue gesunde Diäten“, das Interview finden Sie hier auf englisch. Hätte auch gerne mehr Investoren, um den Reisanbau nachhaltiger und klimaneutraler zu gestalten.

Nafees Meah schreibt in einem außergewöhnlich präzisen wissenschaftlichen Paper „Climate uncertainty and policy making—what do policy makers want to know?“ wie wichtig und unwichtig die Ungewissheit ist. Denn sie hat für Verwirrung gesorgt. Für noch komplexere Klimamodelle, die daher nun noch mehr Ungewissheit enthalten. Man solle sich nicht mehr zu sehr auf die Ungewissheit konzentrieren, sondern akzeptieren, dass jede Wissenschaft Ungewissheit beinhaltet. Dass es ein Irrtum sei, anzunehmen, dass bei dem Versuch, diese Ungewissheit zu quantifizieren, noch mehr Klarheit entstünde.

Daher, so Nafees Meah, sei die Idee des Klimawandels ein Fakt „that is beyond debate.“

Die Wirtschaftsnobelpreisträger Fudenberg und Tirole schrieben in ihrem Werk „Game Theory (1991)“ noch, dass Modelle, die Ungewissheit ausschließen, nicht einmal als Gedankenexperimente Aussagekraft besitzen.

Was bleibt am Ende also nur noch übrig?


Die wachsende Erkenntnis, dass Zweifel nicht beliebt sind. Wissenschaftliche Präzision nur verwirrt. Die Pläne für die Zukunft sind längst gesteckt, Steuergelder verplant. Wieder einmal ist man sich so sicher, die Zukunft zu kennen.


Ich ganz persönlich halte diesen Ansatz für arrogant. Nichts, gar nichts, ist „beyond debate“. Jeder muss offen bleiben dafür, sich an die eigene Nase fassen zu müssen (siehe News 02.10.2019).

 
 

News Schlagwörter