Ein kluger Spötter

23.12.2014
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Kenne Sie Rosenblatt? Vorname Roger? Journalist bei der „Washington Post“, Mitherausgeber des „Time Magazine“ (Sie wissen schon: Man of the Year) und Universitätsdozent. Nicht unwichtig: fünf Kinder. Einer der klugen Menschen, die erkannt haben, dass man im Leben eher danebenzielen, eher danebensprechen sollte. 

Von ihm könnte ich noch viel lernen. Der kennt Ihre Gedanken, Ihre Herzquälereien, Ihren inneren Dialog und versucht auf seine unnachahmliche Art, Ihnen etwas beizubringen. Natürlich auch mir. Darf ich?

„Die Menschheit lebt seit über einem Jahrhundert nach Freud in dem Glauben, dass anhaltende und beständige Selbstanalyse gesund für den Geist sei, und vergisst dabei, wie elend sie sich deshalb fühlt. Ein gewisses Maß an Selbstbeobachtung schadet nicht, doch sie sollte sich darauf richten, was in einer bestimmten Situation zu tun ist, und nicht darauf, wer man ist.“

Bei Sport also nicht darüber nachdenken, ob man günstig genug gekleidet ist, ob der Bizeps auch schön glänzt, sondern vielleicht doch besser sich auf das Laufen selbst konzentrieren. In Diskussionen und Debatten vielleicht sein Ego ein bisschen zurückstellen (falls das geht) und über die Sache selbst debattieren. Wie man vorankommen könnte. Heißt also: nach vorne denken. Zielgerichtet denken. Nicht schon wieder ausführlich über seine eigene Krankheit berichten, sondern besser nachdenken über neue Ideen, wie man wieder gesund werden könnte…

„Wie viel Zeit Sie auch mit nächtlichen Selbstbeschuldigungen verbringen, als Mensch sind Sie vermutlich ziemlich in Ordnung (wie die meisten). Wie Sie sich verhalten sollten, wenn dieses oder jenes passiert, ist eine andere Sache, und Sie sollten sich dazu vielleicht ein paar selbstkritische Gedanken machen – zwei Minuten lang, wenn Sie ehrlich zu sich sind, fünf, wenn Sie zuerst unehrlich sein und sich anschließend zur Wahrheit vorarbeiten möchten.“

Die Sache mit dem „sich verhalten“ ist kritisch. Wenn es darum geht, sich mit dem Ehepartner vielleicht einmal eher konstruktiv auseinanderzusetzen oder den Sohnemann nicht einfach anzubrüllen, sondern versuchen, ihn zu führen. Nicht bloß die Ebola-Opfer bejammern, sondern besser persönliche und familiäre Konsequenzen ziehen. Sich heute um deren und das eigene Immunsystem kümmern. Beginnt schon bei der nächsten Mahlzeit. Noch präziser, liebe Frau Claudia Roth: nicht ununterbrochen öffentlich Flüchtlingsschicksale bejammern, sondern zwei Flüchtlingsfamilien bei sich privat aufnehmen.

„Ansonsten sollten Sie Ihre Gedanken nach außen richten. Gehen Sie joggen. Töpfern Sie eine Vase. Lesen Sie ein Buch.“

Klingt ein bisschen nach Resignation. Ist es aber nicht. Darf ich sagen, weil ich den Ausweg persönlich beschritten und „von wem auch immer“ höchst überrascht worden bin. Versumpft im 18-h Alltag eines Kassenarztes auf dem Lande hab ich mit dem Laufen begonnen und wurde ein neuer Mensch. Das Leben hat sich auf den Kopf gestellt. 

Ich glaube, dass Rosenblatt hier eine tiefe Wahrheit ausspricht. 

 
 
 

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