Ein wohltuender Psychiater

03.08.2019 | Strunz
 

Psychische Erkrankungen habe ich immer eher als Zustände empfunden. Die auch einen selbst treffen können, häufig auch treffen. Eine reaktive Depression überfiel mich nach meinem Unfall. Stichwort Krüppel, nie mehr laufen können. Völlig verständlich. Und autistisches Verhalten habe ich als Kind sicherlich gezeigt. Aus Notwehr. Habe mich abgekapselt gegen das Flüchtlingselend in meinem Leben, um mich herum. Na und?

Für mich normale, erklärbare Zustände. Zur Krankheit werden die in meiner Sprachregelung erst dann, wenn man daran leidet. Patiens heißt leidend (lateinisch). Wenn also der Patient um Hilfe nachsucht.


Stellt mir die besorgte Mama das Töchterlein vor. Sehr dürr. Hätte Magersucht, Anorexie, Bulimie.

Denke ich mir: Vielleicht hat sie Recht. Wenn ich mir den Umfang von Mutter und Vater angucke. Vielleicht graust´s der jungen Dame vor solchen Körpern? Und sie überreagiert?


Will sagen: Ich habe ein breites Verständnis für psychische Erkrankungen. Versuche mich hineinzufühlen. Oft versteht man ja auch Zusammenhänge, Ursachen. In ausgesprochen sympathischer Form hat dieses Denken beschrieben ein bekannter Psychiater, Professor Dr. Wulf Rössler, langjähriger Direktor der psychiatrischen Uniklinik in Zürich. Der da sprach:


„Wir haben mehr oder weniger passende Kriterien für psychiatrische Krankheiten festgelegt, die sich im Diagnose-Schlüssel wiederfinden. Letztendlich sind das aber willkürliche Kriterien - wir haben keine konkreten Werte wie etwa den Blutzucker oder den Blutdruck zur Verfügung. Vielleicht müssen wir uns aber auch von den Kriterien verabschieden, denn klare Grenzen zwischen gesund und krank gibt es in der Psychiatrie einfach nicht.“

Dies nennt er „psychisches Kontinuum“ . Jeder von uns hat bestimmte Elemente psychischer Krankheiten, der eine ausgeprägter, der andere weniger stark.


  • So zeigen manche narzisstische Verhaltensweisen, ohne dass man sie gleich als „persönlichkeitsgestört“ abstempeln würde.
  • Andere haben Ängste oder fühlen sich immer wieder mal deprimiert, aber von einer Angststörung oder einer Depression würde man nicht gleich sprechen.
  • Selbst viele Ärzte haben sich an die zwei Gläser Wein pro Tag gewöhnt und mögen nicht darauf verzichten, aber eine Abhängigkeitserkrankung würden sie bei sich nicht diagnostizieren.

„Wir bewegen uns auf einem Kontinuum zwischen zwei Polen“, sagt Rössler. „Hier ist es kaum möglich zu sagen, ab wann und ob es überhaupt Krankheit ist. Ich würde viel eher davon sprechen, das bei manchen bestimmte Eigenschaften ausgeprägter sind als bei anderen“ . Wenn man sich dessen bewusst ist, dass in jedem von uns etwas von sogenannten psychischen Krankheiten steckt, akzeptiert und unterstützt die Gesellschaft vielleicht viel eher Menschen, bei denen die Eigenschaften deutlicher zutage treten.


Goldrichtig. Rössler holt die psychiatrischen Krankheiten aus der Ecke heraus, in die viele von uns sie stellen. Zeigt uns, dass es fließende Übergänge gibt. Nach kurzem Nachdenken wird wohl jeder von uns hier zustimmen.

Wenn man jetzt noch die nagelneue Idee des inkompetenten Immunsystems in den Vordergrund rücken würde, also die einigermaßen bewiesene Behauptung, dass psychische Erkrankungen „Schwelbrand im Gehirn“ bedeuten, dass man solche Entzündungen mit einem starken Immunsystem bekämpfen kann, dann werden psychische Erkrankungen plötzlich nicht nur mit Psychopharmaka unterdrückbar, sondern heilbar. Denke ich freilich wieder an - unvergessen - Frau Professor Pert, die berühmte Immunologin:

„Strunz, sie unterschätzen Stress. Den Hauptfeind unseres Immunsystems (70%)“

Meine Antwort damals: „Nö. Ich meditiere seit dem 19ten Lebensjahr.“

 
 

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