Eiweiß im Blut

26.03.2017
 

Die große Blutanalyse, wie sie auch in meiner Praxis durchgeführt wird, hilft vielen zum Aufbruch in eine ganz neue Dimension. Große Begeisterung, emotionale Briefe – auch für mich sind das bewegende Momente.

Was ich an dieser Stelle nicht verhehlen will, ist die große Enttäuschung, die danach kommen kann. Nicht nach der ersten Blutanalyse: Da erwartet jeder ungute Zahlen, Lücken, Defizite. Sonst wäre er ja gar nicht gekommen.

Die große Enttäuschung kommt häufig nach der zweiten Analyse, nach der Kontrollmessung. Geschockt durch die ersten Ergebnisse glauben viele Patienten, jetzt „alles richtig gemacht“ zu haben. Stimmt ja auch: Da wurde das vorgeschlagene Ergänzungsprogramm (NEM) korrekt eingehalten. Eiweiß gelöffelt noch und nöcher. Und bei der Kontrolle sollte das, bitteschön, doch eigentlich sichtbar werden können. Wird es aber oft nicht.

In vielen Fällen fehlt zum Beispiel  Eiweiß immer noch. Ist manchmal sogar abgesunken! Warum in aller Welt passiert das? Weil der Mensch kein Auto ist. In ein Auto tanken Sie Treibstoff, der ist dann im Tank, und der wird dort in Energie verwandelt. So ein Bild haben Sie auch von sich: Da stecken Sie etwas fröhlich hinein und… dann ist es auch da.

Wenn Medizin so einfach wäre, würden Sie von Ihren Ärzten nie enttäuscht werden. Medizin ist komplizierter: Was Sie oben reinstecken, erscheint noch lange nicht in Ihrem Blut.

Beispiel Eiweiß: Das wird im Darm zerlegt in einzelne oder doppelte Aminosäuren. Aber nur, wenn der Darm ordentlich funktioniert! Da kann auch ich als Arzt nur hoffen. Hoffentlich funktioniert das Enzymsystem Ihres Darmes. Tut es nämlich oft genug nicht. Dann wird das gute Eiweiß einfach wieder ausgeschieden.

Nun angenommen, das Eiweiß wird wirklich zerlegt und durch die Darmwand ins Blut transportiert. Auch da kann ich wieder nur sagen: Hoffentlich! Hoffentlich haben Sie solche Transportschiffchen, die diese Arbeit übernehmen. Es kann auch sein, dass Sie diese Transportwunder nicht haben.

Und wenn Sie diese Transporter nun haben und die Aminosäuren in Ihrem Blut erscheinen? Wenn das Aminogramm also vorzüglich ist und Sie von mir gelobt werden? Auch dann ist noch nicht alles in Butter. Auch dann kommt es noch nicht automatisch zu einem ansteigenden Gesamteiweiß. Denn die Aminosäuren  im Blut müssen ja wieder neu zusammengesetzt werden. Und hier geht meistens der Ärger los.

Was braucht es denn zum Zusammensetzen? Na, zum Beispiel Zink. Und weil jeder Mensch häufiger einmal mit einem Virus kämpft, haben viele gar nicht genug Zink im Blut. Sie können ohne Zink kein Eiweiß aufbauen. Ein ganz simpler Zusammenhang. Deshalb messen wir routinemäßig Zink und füllen Zink auf.

Weiter geht’s: Für den Eiweißaufbau brauchen wir aufbauende Hormone. Anabole Hormone. Mit anabol ist eiweißaufbauend gemeint. Weiß jeder Doper. Solche Hormone sind Testosteron und das Wachstumshormon HGH. Für mich die zwei wichtigsten Substanzen in unserem Körper. Und die messen wir ja, häufig mit abgrundtiefen Ergebnissen. Und mit hoch problematischen Folgen. Für Männer genauso wie für Frauen: Fehlt Testosteron, fehlt der innere Antrieb. Da muss man sich das ganze Leben lang anstrengen. Muss sich zusammenreißen. Muss sinnlos Energie verplempern, um sich überhaupt zum Laufen aufzuraffen.

Und Wachstumshormon? Das ist unser Reparaturhormon in der Nacht. Was uns wieder frisch, munter und gesund macht nach des Tages Müh´. Was die Haut straff macht (wer jemals eine Nacht durchgearbeitet hat, weiß genau, was ich meine). Was Muskeln aufbaut, was Fett verbrennt, was Knochen stark macht.

Fazit: Wenn Sie verstanden haben, dass der menschliche Organismus eben ein höchst kompliziertes biochemisches Wunderwerk ist, haben Sie den entscheidenden Punkt begriffen. Da gibt’s kein einfaches rein-raus. Sonst wäre Medizin kinderleicht. Freilich – auch wieder hohe Kunst – sollte jeder Arzt Ihnen solch komplexe Zusammenhänge möglichst einfach, möglichst verständlich darstellen.

Sollte er.

Quelle: „Neue Wege der Heilung“. Neuerscheinung 2017 bei Heyne.

 
 

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