Epigenetik Teil V

29.06.2014
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Zum Schluss, wenn Sie mir erlauben, noch eine kleine Sensation. Ein Schmankerl, wie wir Bayern sagen. Betrifft Ihr Hüftgold. Ihre Bauchringe. Oder ganz deutlich: Den Schwabbelspeck, den Sie da jeden Morgen vor dem Spiegel bewundern. Betrifft ja angeblich 2/3 der Deutschen. Glatt gelogen. Nicht 2/3, sondern über 90 % der Deutschen sind übergewichtig. Können mit kühner Hand am Bauch die fetten Falten taktil genießen.

Deutschland ist ja tatsächlich das fetteste Volk Europas. Unvergessen, wie wir alle da vor Jahren von höchster Stelle gerügt wurden. Von der Gesundheitsministerin Schmidt und neben ihr von unserem Horst. Dem Seehofer. Die gemeinsam dem deutschen Volk ernste Vorhaltungen machten.

Ich hab mir die zwei da vorne bei der Pressekonferenz in Badekleidung vorgestellt. Und deren Mut bewundert. Man könnte auch sagen – Frechheit. Dem gesamten deutschen Volk die Fettsucht vorzuwerfen. Und selbst...

Nur – das löst das Problem nicht. Das Problem Übergewicht. Ihr Problem. Das Schmankerl jetzt am Schluss: Das Problem Übergewicht ist heute gelöst. Und zwar wissenschaftlich gelöst.

Entscheidend ist das Wort wissenschaftlich. Bisher wurde nur geraten. Diäten haben alle geraten. Es läge an den Kalorien, haben die Weightwatchers behauptet. Es läge an zuviel Fett. Es läge an zu wenig Bewegung. Es läge am trägen Stoffwechsel. Oder ganz einfach: Es ist halt genetisch.

Ab heute können Sie sämtliche mehrere hundert Diäten dieser Welt in der Pfeife rauchen. Können Sie vergessen. Ab heute dürfen Sie fünfzig Jahre hinter sich lassen. Die Dinosaurier-Ära. Oder, wie Professor Pudel von der DGE im Festvortrag verkündete:

Die Ernährungsberatung in Deutschland
hat seit 50 Jahren versagt.

Wie Recht er hat. Professor Pudel hatte übrigens, wie er es nannte, eine „wissenschaftliche Läuterung“ durchgemacht. Er hat tatsächlich – im Gegensatz zu seinen Professoren-Kollegen der DGE – verstanden, dass der Aberglaube, die Deutschen würden schlanker werden, wenn sie nur endlich den Kohlenhydratanteil (natürlich Vollkorn. Als ob das nützen würde.) von 40 auf 60 % anheben würden, blanker Unsinn war. Wie gesagt: Aberglaube.

Heute wissen wir, wissenschaftlich exakt und selbstverständlich jedem sofort einleuchtend:

Jeder Mensch hat
einen Fettverbrennungsmotor

Sonst wäre ja jeder von uns als Säugling geplatzt. Wir können also - theoretisch - unser Fett verbrennen. Mein Töchterlein, Biologin, würde wissenschaftlich korrekt von vier fettverbrennenden Enzymen sprechen. Aber bleiben wir bei dem Motor. Klingt besser. Dieser Fettverbrennungsmotor ist entweder ein oder aus.

Eingeschaltet oder ausgeschaltet. Schlanke Leute haben den Motor ständig oder jedenfalls sehr häufig eingeschaltet, dicke Leute haben den Motor ausgeschaltet. Jedenfalls die meiste Zeit am Tag. Das jahrein, jahraus. Deswegen sind sie dick.

Es geht also nur um die Frage: Was ist der Schalter. Das ist das ganze Geheimnis. Das war eben die letzten 50 Jahre der DGE nicht bekannt...Übrigens bis heute.

Die erlösende Erkenntnis, wissenschaftlich gemessen mit dem Respiratorischen Quotienten, heißt: Der Schalter, das sind die

Kohlenhydrate

Gemessen. Mit dem RQ. Und das tut eben kaum jemand. Kaum ein Arzt hat in seiner Praxis ein Spiroergometer. Viel zu teuer. Bleibt einzelnen wissenschaftlichen und sportmedizinischen Einrichtungen vorbehalten. Die haben es zwar gemessen, aber nicht benutzt. Nicht ausgenutzt. Denn die untersuchten Sportler waren sowieso schon schlank. Dass man dieses Gerät auch für übergewichtige Normalpersonen einsetzt… ist neu.
Wir tun das. Und sind stolz darauf. Und haben eben gefunden:

Kohlenhydrate stoppen
die Fettverbrennung.

Das war alles. Sobald Kohlenhydrate in Ihren Mund gelangen, stoppen Sie Ihren Fettverbrennungsmotor. Für einige Stunden. Wer das einmal verstanden hat, weiß, wie er schlank wird: Ganz einfach eine oder zwei oder drei Wochen absolut keine Kohlenhydrate. Kinderleicht. Heißt nämlich positiv: Rein damit. Zum Frühstück Omelett mit Schinken und Käse. Am Vormittag Mandeln, ne Hand voll. Zu Mittag dicke Klumpen Fleisch mit Salat. Am Nachmittag wieder ein paar gekochte Eier, wenn Not am Mann ist. Und abends Fisch und Gemüse und Salat...

Wenn Ihnen das zu kompliziert ist, machen Sie es so wie ich. Tagelang, wochenlang, herrlichstes, cremigstes, süchtig machendes Eiweißpulver. 6-mal täglich 3 Esslöffel. Mein Geheimrezept. Und nicht bloß Vanille. Sondern auch Schoko Noire. Oder Joghurt-Kirsch. Oder Mandelkeks.

Inzwischen haben tausende, zehntausende, sogar hunderttausende, wie die Buchauflage von „Die neue Diät“ beweist, diesen Rat befolgt. Und viele, viel zu viele schreiben mir Briefe. Ein besonders schöner am 28ten Januar:

Herzlichen Dank!
Habe bis heute
80 Kilogramm abgenommen

Ach du meine Güte! 80 Kilogramm! Mag ich mir nicht vorstellen. Heißt aber: Es funktioniert. Es funktioniert deshalb, weil es Wissenschaft ist. Gemessenes Fakt. Und weil es einleuchtet.

Was haben wir also gelernt? Zunächst das Böse. Krebs also. Krebszellen können Sie aushungern, indem Sie auf Kohlenhydrate verzichten. Und am Besten noch wegrennen! Aber auch Ihr Fett, Ihren Speck werden Sie los, indem Sie auf Kohlenhydrate verzichten. Naja. Gibt’s nicht auch eine etwas erhebendere, glücklichere Nachricht zum Thema? Krebs und Speck. Ich bitte Sie.

Stop! Gibt’s. Betrifft selbstverständlich auch schon wieder ein Gen. Die zugehörige, lustige Geschichte stammt vom Professor Stoffel aus dem Institut für Molekulare Systembiologie in Zürich.

Der hat entdeckt ein Protein namens Fox A2. Ein hochraffiniertes Protein, das seinerseits Gene überredet, im Gehirn zwei Eiweißstoffe zu bilden. Die Eiweißstoffe heißen MCH und Orexin. Sachen gibt's...

Das Hübsche an diesen zwei Fremdworten ist, dass die im Gehirn Bewegungsdrang aktivieren.

Bewegungsdrang? Wenn ich Ihren Briefen glaube, ist Ihr Hauptproblem der innere Schweinehund. Sie haben selbstverständlich die Frohbotschaft: "Lauf um Dein Leben!", längst verstanden. Aber jeden Morgen, früh um 6:00 stehen Sie vor der gleichen unüberwindlichen Hürde: Der innere Schweinehund.

Professor Stoffel zeigt Ihnen die Lösung: Fox A2 moduliert Gene. Und die bilden Eiweißstoffe im Gehirn, welche zu unüberwindlichem Bewegungsdrang führen. Das ist die Lösung. Jeden Morgen.

Bräuchten Sie nur noch Fox A2. Und wie man das kriegt, erzählt uns Professor Stoffel auch: Der hat nämlich gefunden, dass Fox A2 verschwindet, wenn Ihr Insulinspiegel ansteigt. Wenn Sie Kohlenhydrate essen. Dass es dagegen massiv anflutet, wenn Sie auf diesen Unfug, auf KH, verzichten. Wenn Sie sich von Eiweiß ernähren.

Der Verzicht auf Kohlenhydrate macht also beweglich, macht umtriebig, stimuliert Ihren Bewegungsdrang. Motiviert Sie zum Laufen. Drum beginn ich den Morgen mit einem Eiweißshake. Null Kohlenhydrate, pure Motivation.

Noch was Nettes, Überraschendes, Neues? Nennt sich FOXO. FOXO ist ein Genschalter. FOXO schaltet ein die Gene für Abwehrproteine auf der Haut, in der Lunge, auf der Darmschleimhaut. Abwehrproteine, die direkt am Tatort, also der Lungenschleimhaut, Krankmacher wie Bakterien oder Viren zerstören. Deren Zellwände auflösen. FOXO nennt man "das zweite Immunsystem".

Mit viel FOXO kommen also nur noch ganz wenige Bakterien durch die Lungenschleimhaut, durch die Darmschleimhaut, durch die Haut in Ihren Körper. Sie schonen plötzlich Ihr eigentliches Immunsystem. Das braucht nicht mehr zu kämpfen. Die Energie haben Sie dann zum…Denken. Oder zum Marathon laufen.

Also los: her mit FOXO. Her mit diesem Genschalter. Können Sie haben. Ganz leicht: Der entscheidende Satz heißt:

FOXO wird aktiviert bei
niedrigem Insulinspiegel

Erforscht von Bonner Wissenschaftlern. Veröffentlicht in Nature 2010. Hochaktuell. Die sprechen nicht von „niedrigem Insulin-Level“, sondern die sagen: FOXO wird aktiviert im Hungerstatus. Nicht ganz richtig. Wir Praktiker sagen: FOXO kriegen Sie, wenn Sie Kohlenhydrate weg lassen. Hat mit Hunger nichts zu tun. Ich bin satt nach drei vollen Löffeln Eiweißpulver. Habe aber ein tiefes Insulin und deshalb viel FOXO.

Und bekomme keine Grippe mehr.

In Köln sitzt Professor Brüning. Ein hochgescheiter Mensch. Der im letzten Jahr einmal laut nachgedacht hat über Krankheiten. Über Medizin. Über Behandlungsstrategien.

Und Professor Brüning meint, dass es doch ein bisschen altmodisch sei, hinter all den verschiedenen Krankheiten des Menschen hinterher zu rennen. Hinter dem Herzinfarkt, dem Krebs, dem Diabetes, dem Alzheimer. Professor Brüning hat, wie er sagt, eine völlig neue Idee: Wir sollten uns nicht um Krankheiten kümmern, sondern um die Verlängerung des Lebens. Da würden wir uns doch auskennen, denn, so meint Professor Brüning, wenn wir schlicht und einfach das Leben der Menschen verlängern, dann würden doch automatisch diese in der Regel tödlichen Krankheiten viel weniger oder gar nicht mehr auftreten.

Ein genialer Gedanke.

Weil Professor Brüning auch gleich vorschlägt und an Mäusen beweist, wie man am sichersten das Leben verlängert: Indem man den Insulinspiegel so tief wie möglich hält. Heißt übersetzt: Null Kohlenhydrate. Plus Laufen. Kommt auch Ihnen irgendwie bekannt vor. Das nennt Professor Brüning "die neue Gesundheitsstrategie". Sensationell.

Ich nenne das „die neue Heilkunst“. Bewege dich ein bisschen, iss genetisch korrekt, also Eiweiß, Vitamine und Co und Omega 3 und träume ab und zu. Entspanne Dich. Meditiere. Bewegung – Ernährung – Denken. Die Ratschläge gibt es schon lange. Aber heute erst, erst heute zeigt uns modernste Genforschung, was wir da wirklich tun:

Wir umschmeicheln unsere Gene
Und unsere Gene verwöhnen uns.

Ist das nicht ein wundervolles Bild?

 
 
 

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