Fluch und Segen

20.08.2014
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Krankheit kostet Geld. Den Krankenkassen, also Ihren Mitmenschen. Selbstverschuldete Krankheit ist also etwas ziemlich Unverschämtes: Man erwartet, dass der Mitmensch jetzt Geld herausrückt, weil man selbst Fehler gemacht hat. 

Auch wenn hier grundsätzlich das Wort Solidarität bemüht wird, gefällt „dem Staat“ das System nicht. Deshalb verbietet er uns das Rauchen, beispielsweise. Und deshalb denkt er über Helmpflicht für Radfahrer nach, beispielsweise.

Das war auch der Hintergrund für die Einführung der sogenannten Lebensmittelampel, mit der die Verbraucher vor allzu fettigen, salzigen oder zuckerhaltigen Produkten gewarnt werden sollen. Denn: Ungesunder Lebenswandel verursacht externe Kosten, deshalb sei es richtig, dass der Staat die Freiheit des Einzelnen einschränkt. 

Klingt plausibel. In der Theorie. Die Praxis pfeift uns etwas: Helmpflicht in Australien hat genau das Gegenteil bewirkt. Weil man sich dann sicherer, allzu sicher fühlte. Der Mensch ist so.

Auch Raucher und Dicke sind keine Belastung für den Sozialstaat. Wussten Sie das? Die sind, rein finanziell, sogar ein Segen für jede Kranken- und Rentenkasse, im Gegensatz übrigens zum durchtrainierten und damit wohl länger lebenden Gesundheitsapostel.

Raucher und Dicke sind also ein Segen. Dann sind Sie und ich, durchtrainierte Sportler, ein Fluch. Gewusst? 

Die haben keine Ahnung. Die Bürokraten. Die Rechner. Wirklich keine Ahnung. Die würden ihre Meinung drastisch ändern, sobald sie einmal...

Als Student war ich über Jahre hinweg Hilfspfleger in der Chirurgischen Klinik Erlangen. Ausschließlich Nachtdienst. Elf Stunden am Stück. Allein verantwortlich für eine Station mit 40 chirurgischen Patienten. Meine Tätigkeit? 

Patienten hochheben, Bettpfanne unterschieben, wieder hochheben, Bettpfanne rausziehen, Hinterteil säubern, Bettpfanne säubern und weiter zum nächsten. Elf Stunden am Stück. 

Wissen Sie, was ich da gelernt habe? Wie schwer es ist, einen 2-Zentner-menschen, der nach Operation unbeweglich im Bett liegt, am Hinterteil hochzuheben, um die Bettpfanne unterzuschieben. Damals und dort habe ich mir mein Kreuz ruiniert. Fürs ganze Leben. Wie das wahrscheinlich jede Krankenschwester ebenfalls erlitten hat.

Sehen Sie, das ist fett oder dick für mich. Nur das. Grenzenlose Rücksichtslosigkeit gegenüber der Krankenschwester. Denn mit einem Unfall, einer Operation muss wirklich jeder von uns einmal rechnen. Auch ich.

Immer wenn ich  an diese Jahre zurückdenke, bekomme ich Herzrasen. Einen roten Kopf. Meine Stimme wird hoch und gequetscht. Und schon nach wenigen Sekunden fange ich das Schreien an. Unbeherrscht. Wütend. Voll Hass. Auf das, was meine Mitmenschen damals mir - dem Helfer – zugemutet haben.

Vielleicht verstehen Sie jetzt meine Bücher ein bisschen besser. Vielleicht auch den Ton, der ja manchmal etwas zu Wünschen übrig lässt. Weiß ich genau.

 
 
 

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