Fürsorge lähmt

10.04.2014
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Können Sie in jeder Arztpraxis, in jeder Notaufnahme im Krankenhaus beobachten. Ein Kind, ein Erwachsener schneidet sich in den Finger. Es blutet. Wir haben uns früher ein Pflaster drauf geklebt. Die Kinder werden in die Notaufnahme des Krakenhauses gebracht. Zur Versorgung.

Ein Kind stürzt, schürft sich das Bein auf, es blutet. Landet unverzüglich in der Arztpraxis, im Krankenhaus. Die Mutter, der Vater kann damit nicht mehr umgehen.

Sie verstehen, worauf ich hinaus möchte: Fürsorge lähmt. Uns selbst. Die außerordentliche soziale Geborgenheit in Deutschland hat auch sehr, sehr schattige Seiten. Fragen Sie einmal eine Familie, die schon in der dritten Generation von Hartz IV lebt… Völliges Unverständnis.

Woher das kommt? Hat wundervoll in einem Leserbrief Herr von Hohnhorst in der FAZ, Juli 2013 beschrieben. Weil er hier wörtlich meine eigene Kindheit schildert, weil das alles so spannend ist, habe ich den größten Teil seines Briefes einfach mal abgeschrieben:

"Kindheit hat sich in dieser Beziehung dramatisch verändert und ist innerhalb von nur einer Generation viel unfreier geworden. Meine "Peergroup" – in der Nachbarschaft meines Dorfes wimmelte es nur so vor Kindern – hatte neben so harmlosen Sachen wie Seifenkistenbauen eine Leidenschaft: Bömbchen und Raketen (und sie flogen schließlich doch) zu bauen. In etlichen Kellern waren dazu gut ausgestattete Chemielabors eingerichtet worden. Auf dem Schulhof wurden dann Chemikalien getauscht, und man gab ein bisschen an mit diesem oder jenem spannenden Experiment. 

Es war damals überhaupt kein Problem, sich völlig legal Chemikalien unterschiedlichster Art zu beschaffen, darunter auch durchaus gefährliche Substanzen wie konzentrierte Säuren und Laugen oder Explosivstoffe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass unsere Eltern gar nicht so genau wussten, was wir da eigentlich in den Kellerlabors so trieben. Es hat zwar hin und wieder gerumst, viel Unfug war im Spiel, aber ernsthafte Unfälle blieben aus. Immerhin hat diese jugendliche Experimentierfreude in meiner unmittelbaren Nachbarschaft zwei promovierte Chemiker hervorgebracht, die heute in der Industrie arbeiten.

Terrorristen hat meine Peergroup dagegen meines Wissens keine hervorgebracht (dafür gehört ein Wirtschaftsweiser zu meinem Abiturjahrgang). Vor Jahren habe ich meinen Söhnen einen Chemie-Experimentier-kasten geschenkt. Er liegt, praktisch unberührt, noch immer auf dem Dachboden. Die darin enthaltenen Substanzen sind nicht spannender als Backpulver – jugendliche Forscherneugierde wecken die langweiligen Experimente, die sich damit anstellen lassen, kaum mehr.

Im Nachhinein staune ich, wie wir Kinder eigentlich die sechziger und siebziger Jahre überlebt haben. Wir sind natürlich auf vollbeladenen Heuwagen mitgefahren, haben mit Beilen und Äxten hantiert (wie gefährlich!), im Winter und im strömenden Regen Bäche aufgestaut, gewagt konstruierte Baumhäuser mit Flitzebögen (einer gefährlichen Waffe) gegen Angreifer verteidigt, an Bahndämmen Indianer gespielt und alle möglichen wilden Tiere mit bloßen Händen angefasst. Und das alles ohne elterliche Aufsicht und ohne pädagogisches Konzept. Heute braucht es schon eine behördliche Genehmigung, wenn man auch nur Froschlaich mit nach Hause nehmen möchte, um staunend das Wunder der Metamorphose erleben zu können."

Herr von Hohnhorst (er spricht mir aus der Seele) dankt seinen Eltern für diese „Kindheit in Freiheit“. Und vergleicht sie mit der „drohnenhaften pädagogischen Präsenz“ der heutigen Mütter und Väter.

Das Resultat zählt. Und das Resultat in der Medizin, wenn es um Gesundheit, wenn es um Leben und Tod geht, wird klar bei dem Satz: "Zur Medizin gehören immer zwei". Es gehört dazu der eigenverantwortliche Wille des Patienten, etwas zu ändern. Und der fällt leider nicht vom Himmel… Siehe oben.

 
 
 

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