Genom, Proteom, Mikrobiom

10.01.2016
Drucken
 

Leben heißt Anpassung. Wenn sich Ihr Immunsystem nicht an den ständigen Beschuss von Viren und Bakterien adaptiert, müssen Sie sterben. Wenn sich die Fußsohlen eines Massai nicht derb – lederartig verändern, würde er sich einen Dorn nach dem andern eintreten. So wie das bei Ihnen der Fall wäre. Wenn sich der Kreislauf in viertausend Meter Höhe, nämlich in Tibet, nicht an dem geringen Sauerstoffgehalt der Luft anpassen würde, könnten Sie dort oben kaum leben, geschweige denn arbeiten. Die Tibeter können das.

Leben heißt Anpassung.

Aber wer passt sich an? Was passt sich an? Die große Entdeckung der letzten hundert Jahre war das Gen. Die Gesamtheit aller Gene, das Genom. Gene, so glaubten wir noch bis vor kurzem, passen sich an. Adaptieren sich. Der Gedanke geht weit hinter Darwin zurück.

Stimmt nur nicht.

Sieht man ganz leicht ein, wenn man Zahlen betrachtet. Ein Gen enthält ja nichts weiter als den Bauplan zu einem Protein. Eine ganz entscheidende Bemerkung. Es geht also nicht ums Gen, sondern ums Protein.

Der Mensch hat so etwa 21.000 Gene. Gerade ein paar mehr als ein Brokkoli. Also müsste es auch 21.000 verschiedene Proteine geben. Wenn man den früheren Genetikern glauben würde. Dumm aber auch, dass es nicht 21.000, sondern etwa 500.000 aktive Proteine beim Menschen gibt.

Wo kommen die her? Das entscheidende Wort heißt aktiv. Dahinter verbirgt sich der Begriff Faltung. Nur gefaltete Proteine werden aktiv. Und die Faltung kann vielfältig sein. Wir haben inzwischen ja alle gelernt, dass unser Lebensstil diese Faltung bewirkt. Und Lebensstile… gibt es viele, wie Sie sich leicht vorstellen können.

Diese Gesamtheit der Proteine, diese 500.000, nennt man das Proteom. Das aber ist nur die Basis.

Im Laufe der evolutionären Entwicklung haben sich in einem schleichenden Prozess viele einzelne Lebewesen zum Menschen zusammengefügt. Gemeint sind Lebewesen wie Bakterien oder Pilze.

Jetzt kommt’s:

Von den 130 Billionen Körperzellen sind nur 25%  menschlich. Der Rest, nämlich 75%, sind Einzeller, vor allem Bakterien. Insgesamt 100 Billionen. Allein ein Milliliter Dickdarmflüssigkeit enthält mehr Bakterien, als es Menschen auf der Welt gibt. Und diese Bakterien – besonders im Darm – sind aktiv:

  • Stoffwechselprodukte von Bakterien halten den Blutdruck stabil
  • Bakterien bilden Vitamine
  • Bakterien bauen Medikamente ab
  • Bakterien können valiumartige Substanzen entwickeln

Aber auch außerhalb des Darmes haben Bakterien eine wesentliche Funktion: Überall da, wo uns nützliche Einzeller besiedeln, können fremde, krankmachende Bakterien sich nicht breit machen. Der Platz ist schon besetzt.

Es kommt noch viel raffinierter: In Neuguinea gibt es eine Population, die aus einer zu 90% kohlenhydrathaltigen Ernährung mit Hilfe von Darmbakterien alle essentiellen Proteine herstellen kann. Erinnert an den Stier. Wissen Sie noch (News vom 08.10.2009)?

Spätestens jetzt wir deutlich, dass nicht das Genom, dass nicht das Proteom, sondern dass das Mikrobiom, also die genetische Information dieser Einzeller die entscheidenden menschlichen Anpassungsschritte möglich machen. Noch einmal:

Jede nachhaltige Ernährungsumstellung und Lebensstilveränderung (und genau davon spricht forever young) verändert das bakterielle System des Menschen und deren genetische Information.

So wird klar, dass ein gestörtes mikrobielles Ökosystem die Voraussetzung für die Entstehung chronischer Krankheiten ist, vor allem von Autoimmunkrankheiten. Denn: Unser Genom, unser Proteom kann sich nicht in wenigen Jahren adaptieren. Da geht es um Zeiträume von zehntausend Jahren. Das Mikrobiom allerdings passt sich – im guten wie im bösen -  in ganz kurzer Zeit an.

  • Passt sich unserer veränderten Nahrung an (kaufen Sie mal bei Aldi oder Lidl, lesen Sie mal wirklich, was da alles draufsteht, auf den sogenannten Lebensmitteln).
  • Passt sich dem massiven Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung an.

Nur muss diese Anpassung durchaus nicht immer zu unserem Vorteil sein. Was glauben Sie, weshalb in den letzten 10 Jahren die Nahrungsmittelunverträglichkeit so massiv zugenommen hat. Explosionsartig. Kaum einer von Ihnen verträgt noch all das, was er als Kind gegessen hat. Jeder erzählt mir von Einschränkungen. Sie merken das an massiven Blähungen, dem üblich dicken Bauch nach dem Essen, an Schmerzen, am wechselnden Stuhl.

Vielleicht ist das Büchlein „Darm mit Charme“ doch ein bisschen wichtiger, als ich es bisher genommen habe.

 

Quelle: Dr. med. Sabine Fischer in „Die Naturheilkunde“ 5/2015, Seite 20