Geständnis

08.09.2014
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Schreibt mir ein Pharmareferent. Knapp 30 Jahre tätig. Tätig heißt: Jeden Tag Ärzte besucht und denen “meine schönen Kernbotschaften, die mein Arbeitgeber in Folder packte, nämlich neueste Veröffentlichungen aus Fachpresse“ überreicht. So ein Fachmann hat natürlich einen recht guten Überblick. Überblick über den ärztlichen Alltag. Und davon berichtet er in der heutigen Mail:

„Hier die Erfahrung von meinem Freund Wolfgang: 58 Jahre, 175 cm, 122 Kilogramm, früh berentet wegen „Herzschwäche“. Laut Hausarzt: Immer im Schongang halten! Immer die Medikamente gewissenhaft nehmen! Hitze und Sonne meiden – beides nicht gut für das Herz. Ach ja, und der Diabetes, bitte an die Schulung halten! Wichtig: Kohlenhydrate.

Ich weiß, liebe Leser, dass Sie mir nicht glauben. Dass heute, 2014, in Deutschland, Diabetiker, Zuckerkranke von Ärzten dringend ermahnt werden, doch bitte unbedingt Zucker zu essen. Jeden Tag. Unbedingt. Ich weiß, dass Sie mir das nicht glauben. Aber das ist Fakt. Das ist nämlich „evidenzbasiert“ und „Leitlinien-gerecht“. Ich hatte bisher keine Chance, dagegen anzugehen. Seit wenigen Wochen haben wir zum Glück die Titelstory im TIME Magazine. Zum Glück. Aber weiter im Text.

„Und nun ist Wolfgang motiviert abzunehmen. Nur wie? Heute sagt ihm sein so liebevoller Hausarzt: „Herr P. – einfach mal einen Reistag in der Woche einlegen. Regelmäßig. Nur Reis, fünf Mal am Tag. Mache ich auch manchmal, Sie sehen, mir geht es gut.“

Noch schnell die Rezepte von der Helferin drucken lassen (acht Medikamente) – einen netten Plausch, und dann die Helferin: „Ach, ich esse immer wieder einen Tag in der Woche nur trockene Brötchen! Hilft auch.“ (Das ist die Dame hinter dem Tresen, ca. 158 cm, 103 Kilogramm). Das nackte Grauen. Durch solche Sätze verstehe ich natürlich auch die Resignation unserer Politiker. Die haben ja täglich mit solchen Menschen zu tun. Nachweislich Falsches wird immer und immer wiederholt. Seit 50 Jahren. Dabei genügt ja eine einzige Messung: Spirometrie in Ruhe. Ein einziges Mal, und man wüsste, dass Reis oder Brötchen die Fettverbrennung stoppen. Gnadenlos. Aber weiter im Text: 

„Die Schlussfolgerung meines Freundes Wolfgang: Ab sofort einen Reistag plus einen Trockenen- Brötchen-Tag in der Woche. Da werde er doch endlich abnehmen. Stieg in den Aufzug, fuhr 200 m Auto zur Apotheke und fuhr die letzten 300 m mit dem Auto bis nach Hause – das Herz muss geschont werden, und die Sonne ist auch schädlich! Schnaufend auf dem Sofa: Ab heute nehme ich ab!“

Das, liebe Leser, ist Alltag. Das ist Routine. Das ist evidenzbasierte und Leitlinien-gerechte Medizin in Deutschland. Und gegen Behörden… kommt niemand von uns an. Auch ich nicht. Ein besonders schöner Schlenker am Schluss des Mails dieses erfahrenen Pharmareferenten, als er darüber sprach, dass er den Ärzten immer die neuesten Veröffentlichungen aus der Fachpresse aushändige:

„Dass der fachliche Mist getürkt war, bemerkten wir schon in der Schulung!“

Ich sag nix mehr.

 
 
 

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