Glück und Unglück

10.03.2013
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Einer der großen Liebesromane der Weltliteratur, "Anna Karenina" von Tolstoi, beginnt mit dem Satz:

"Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf Ihre eigene Weise unglücklich".

Oh! Da bleib ich jedes Mal hängen. Was sagt Tolstoi da? Erinnert mich. Erinnert mich an "es gibt zwar 30.000 Krankheiten, aber nur eine Gesundheit".

Gehen Sie kurz in sich und fühlen Sie mit: Die glückliche Familie. Das Bild. Grüne Wiese, blauer Himmel, Mama im weißen langen Kleid, ein Kind auf der Schaukel, jauchzend, das zweite Kind mit dem schlanken, jungen Papa spielend. Typisches Bild aus der Lebensversicherungsbranche.

Und unglückliche Familie? Tagelöhner. Abgehärmte Gesichter. Viel zuviel Kinder in Lumpen gekleidet. Armut. Krankheit. Soziale Ungerechtigkeit. Vater Alkoholiker. Mutter Schwindsucht. Oder Scheidungskrieg. Oder behindertes Kind... Ein buntes Spektrum tut sich vor Ihrem inneren Auge auf. Haben Sie gar kein Problem. Sie finden gar kein Ende.

Wie fein Tolstoi doch beobachtet. Wie fein er uns mit seinem Satz, mit dem ersten Satz eines der großen Werke der Weltliteratur den Spiegel vor die Nase hält: Glück und Unglück ist verschieden gewichtet. Sie legen größeren Wert auf, Sie wollen, Sie drängen nach dem Unglück. Und Glück, das haken Sie als "ja ja, ist schon recht" ab. Und dann wundern Sie sich? Sie haben an dieser Stelle mehrfach über Techniken gelesen, dieser Falle zu entkommen. Eine Falle, auf der Milliardengeschäfte aufgebaut sind: Die gesamte Presse. Journalismus. Das waren ja früher die Waschweiber am Dorfbrunnen. Durchhecheln. Klatsch verbreiten. Schlecht reden. Selten ein gutes Wort.

Einen eleganten Vorschlag, eine Lösungsmöglichkeit finde ich bei Christian Morgenstern. Darf ich?

"Es müsste Zeitungen geben, die immer gerade das mitteilen und betonen, was augenblicklich nicht fettgedruckt ist. Zum Beispiel: Keine Cholera! Kein Krieg! Keine Revolution! Keine schlechte Ernte! Keine neue Steuer! Und dergleichen.

Die Freude über die Abwesenheit großer Übel würde die Menschen fröhlicher und zur Ertragung der gegenwärtigen tauglicher machen."

Warum machen Sie sich eigentlich diese Zeitung nicht allmorgendlich selbst?

 

 

 

 
 
 

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