Hautärzte wachen auf

06.09.2012
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Es geht um die Sonne. Nicht einfach nur unser Energiespender, sondern die Quelle jeglicher Nahrung. Stichwort Photosynthese. Die Quelle der Ordnung in unseren Körperzellen. Stichwort negative Entropie. Ohne Sonne kein Leben. Klingt banal, war mir aber immer sehr, sehr wichtig. Dieser Glaubenssatz.

Wichtig deshalb, weil ich lange Zeit in der Universitäts-Hautklinik arbeiten durfte. Und dort gelernt habe, dass die Sonne etwas ganz, ganz Böses sei. Dass sie nämlich Hautkrebs verursache. Dass man sich unbedingt vor der Sonne schützen müsse. Diese Vorstellung habe ich immer für krank gehalten.

Späte Bestätigung: Hautärzte denken um. Korrigieren sich. Das sei wohl alles so nicht gemeint gewesen. Wachsweich Professor Reicharth von der Uni Saarland: "Die Diskussion um den Vitamin D-Mangel (also das Sonnenvitamin) ist hochaktuell. Da tut sich gerade sehr viel".

Dahinter steckt eine neue Stellungnahme der DGE. Zur erschreckenden Einsicht (schon die Wortwahl!): Die Mehrheit der Deutschen leidet unter Vitamin D-Mangel.

Erschreckend? Man hat die Mehrheit der Deutschen doch gerade vor der Sonne gewarnt. Dem Erzeuger des Sonnenvitamines D. Und tut jetzt so, als ob der Vitamin D-Mangel nur so vom Himmel gefallen sei. Und nicht genau von diesen Hautärzten verursacht worden sei.

Schon vor 10 Jahren hatte ich Ihnen in der Frohmedizin von zwei wissenschaftlichen Arbeiten berichtet. Natürlich aus den USA. Die da lauteten: Bitte mehr Sonne! Man hat errechnet, dass die extreme Sonnenbestrahlung, sie in Kalifornien vorkommt, auf die Gesamt-USA umgerechnet zwar zu 3000 Hautkrebsen zusätzlich führen würde, dafür aber 30000 andere Organkrebse verhindert würden. Sonne also in Summe heilsam sei.

Die wirkliche, wie ich meine Unverschämtheit der Hautärzte in den letzten Jahrzehnten ist ja die typische Halbwahrheit, dass Sonne zwar Hautkrebs verursachen kann. Stimmt. Aber eben nur den harmlosen, nämlich das Basaliom. Das schneidet man raus und die Sache ist erledigt. Es gibt keine Metastasen. Während der Sonnenmangel, also der Vitamin D-Mangel genau den gefährlich Hautkrebs, nämlich das maligne Melanom, den schwarzen Hautkrebs begünstigt. Hochtödlich.

Alles längst bekannt. Mir jedenfalls.

Und jetzt, 2012, denkt man um beim Vitamin D. Bei der Sonnenbestrahlung. Und formuliert selbst jetzt so merkwürdig wie der Hautkrebsforscher Rüdiger Greinert aus Buxtehude: "Wir raten dringend davon ab, einen Vitamin D-Mangel durch exzessive Sonnenbestrahlung oder Solariumbesuche zu beheben. Aber gegen einen kurzen Sonnenspaziergang in der Mittagspause haben wir Dermatologen natürlich nichts einzuwenden".

Lieb von denen. Wenn wir nicht ganz genau die durchschnittliche Sonnenbestrahlung in Deutschland kennen würden. Der "kurze Sonnenspaziergang" ist Augenwischerei. Den gibt es eben nicht im Winter. Oder im Herbst. Und andersherum zu "exzessiver Sonnenbestrahlung" wurde ja wohl nie geraten.

Mal so richtig kräftig lachen? Dann lesen Sie die jetzt gültige Empfehlung aus dem DGE-Papier für eine ausreichende Vitamin D Versorgung: "Es genügt von Frühling bis Herbst Hände, Arme und Gesicht mindestens drei mal pro Woche der Sonne auszusetzen - und zwar je nach Hauttyp zwischen 5 und 25 Minuten".

Und im Winter? Und wenn die Sonne im Herbst nicht scheint? Und genügen 5 Min. wirklich? Nachgemessen? Wissenschaftler sind weiter: Wir messen. Wir messen routinemäßig in Ihrem Blut den Vitamin D-Spiegel und...korrigieren ihn. Nur wenn Sie mehrmals hintereinander diesen Wert aufmerksam studiert und verstanden haben, können Sie Ihr tägliches Verhalten entsprechend einrichten.

Es geht hier um Krebs (News 9.10.2007, 26.05.2011). Zum Glück wacht auch die DGE langsam auf.

Lit: Spiegel 28/2012, Seite 126

 
 
 

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