Hochmut

17.07.2014
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Auch Hybris genannt. Auffallend häufige menschliche Eigenschaft. Finden Sie selbst bei so integeren Persönlichkeiten wie Herrn Dr. Schäuble. 

Frage: Sie wollen Euroskepsis bekämpfen…

Dr. Schäuble: Die Leute sind ja nicht gegen Europa. Sie verstehen nur nicht so genau, was die EU eigentlich macht.

Hochmut. Hybris. Da gibt’s also den klugen, intelligenten Herrscher und das dumme Volk. Das sind wir. Ich zum Beispiel. Ich habe so gar keine Ahnung. 

Also ob ich nicht wüsste, dass die größte Partei bei der letzten Bundestagswahl die Nichtwähler gewesen waren mit 29 %. Die CDU als nächstgroße Partei kam nur auf 25 %. 29 % Deppen? Oder hochverantwortliche Menschen…?

Als ob ich nicht wüsste, dass 48% der EU-Bevölkerung EU-Skeptiker sind (FAS, 08.06.14). Alles Deppen?

Dr. Schäuble liest keine Leserbriefe. Verstehe ich gut. Der glaubt, anderes zu tun zu haben. Leserbriefe würden ihm zeigen, dass die Deutschen, und zwar generell, sehr wohl verstehen, „was die EU eigentlich macht“. Die EU bricht Verträge und zerstört Europa. 

Beweis? Die EU wurde sehr klug entworfen. Von gescheiten Menschen. Und die haben ein entsprechendes Vertragswerk gezimmert. Wohlüberlegt. Nennt man den Maastrichvertrag. Der wurde schnell und prompt gebrochen. Von uns Deutschen übrigens. Ein zweites Mal gebrochen. Stichwort Griechenlandhilfe. Resultat? Laut Umfrage hassen 60 % der Griechen die Deutschen.

Ein Volk hasst das andere? Das ist das Ziel der EU? Ich weiß nicht, Herr Doktor, ich weiß nicht, würde Loriot murmeln.

„Geld ist nichts mehr wert“. Vor fünf Minuten in den Börsennachrichten. Merken Sie am nicht existenten Zins. Der Ihre Rente, Ihre Lebensversicherung auffrisst. Ihr Geld sowieso. Stichwort negative Zinsen. Und weshalb ist Geld nichts mehr wert? Weil die EZB den Markt mit Geld flutet. Geld druckt. Und was es im Überfluss gibt…ist freilich  nichts mehr wert. Lieber Herr Doktor Schäuble: Menschen verstehen sehr genau, was die EU eigentlich macht. 

Nach diesem kurzen Ausflug in die Politik wollen wir zur Sache kommen: Auch wir Ärzte sollten einmal zwei Stufen heruntersteigen. Sollten wenigstens ab und zu annehmen, dass unser Gegenüber… „versteht, was die Medizin eigentlich macht“. Nämlich Tabletten verschreiben. Pillen geben. Ausprobieren. Alles selbstverständlich gut gemeint, zum Wohle des Patienten. Resultat: Ein Drittel der Deutschen bekommt Krebs, knapp die Hälfte stirbt an Schlaganfall und Herzinfarkt. Wie jedes Naturvolk beweist: jeder einzelne Todesfall, jedes dieser grauslichen Schicksale völlig überflüssig. Nur: Unser Medizinsystem weiß es nicht besser. Und das soll wohl gemeint sein? Für wen?

Zum Glück lernen immer mehr von uns, von uns Ärzten, was Internet eigentlich bedeutet. Dass wir informierten Patienten gegenüber sitzen. Die – was ihre eigene Krankheit angeht – uns selbst an Fachwissen überlegen sind. Oft! Drum: Zuhören. Noch einmal: Zuhören. Denn der erste Glaubenssatz eines Arztes sollte sein: der Patient hat Recht. Immer.

Wir alle konnten ja soeben über das medizinische Problem Numero eins dieses Globus lesen: Über das massive Übergewicht. Und wie man das Problem löst. Außerordentlich klug und präzise beschrieben im Forum am 23.05.14. Sehen Sie: Diese Dame weiß mindestens so viel, wahrscheinlich sogar mehr als jeder von uns 160 000 Ärzten. Zu diesem Thema natürlich.

Es wird Zeit, dass Politiker wie Dr. Schäuble aufwachen. Für Politiker dürfen Sie ruhig auch Ärzte einsetzen. Ich nehme mich da nicht aus.

 
 
 

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