Interview: Warum Laufen?

28.08.2006
Drucken
 
  1. Warum laufen Menschen freiwillig, auch wenn sie nirgendwo hin müssen?
     
    Laufen, tägliches Laufen wurde uns lange Jahre nach Holzhacker-Manier als anstrengend, schweißtreibend, als Sport für Gesundheitsfanatiker beschrieben. Abstoßend. Das ist vorbei. Heute ist Laufen, tägliches Laufen für Millionen Menschen der Weg ins Glück geworden.
     
    Diesen Paradigmenwechsel haben wir der Biochemie zu verdanken. Wir wissen heute, dass beim pulskontrollierten Laufen je nach Geschwindigkeit verschiedene Glückshormone und Kreativitätshormone ausgeschüttet werden. Wir haben erfahren, dass richtiges, kontrolliertes Laufen uns stilles Glück genauso wie neue Ideen oder rauschhafte Begeisterung schenkt. Wer das einmal gefühlt hat – nicht verstanden, sondern gefühlt – wird von Stund an sein Lebetag laufen wollen.
     
  2. Ist das eine Frage der Lust, der Eitelkeit oder der Disziplin?
     
    Bei der Mehrzahl der Läufer beginnt der Entschluss, sich täglich zu bewegen mit dem Wunsche abzuspecken, also mit der Eitelkeit. Das erfordert einige Wochen eiserne Disziplin. Wer wälzt sich schon gerne aus dem warmen Bett in den kalten Wintermorgen? Nach etwa 4 Wochen hat der Körper verstanden. Ist einverstanden und es beginnt die Lust am Laufen. Durchaus eine Sucht. Übrigens die einzige Sucht, die auf Dauer nicht krank macht.
     
  3. Was macht das Laufen mit dem Laufenden? (Körper – Geist/Seele; Bewegung – Denken, Lächeln)
     
    Laufen macht den Laufenden normal. Das höchste Ziel der menschlichen Existenz. Normal nämlich ist jedes Lebewesen außer dem Menschen. Ist jedes Reh, ist jeder Schimpanse, die sich täglich geschmeidig bewegen, täglich ausschließlich natürlich essen ohne Ernährungsberatung und täglich im „Jetzt“ leben ohne quälende Gedanken an das Finanzamt. Laufen ist das Türchen zu diesem anderen, zu diesem Leben im Glück wie es uns jedes 3-jährige Kind jauchzend vor Augen führt und damit immer wieder tief unsere Seele rührt, unsere Sehnsucht weckt nach dieser kindlichen Unbeschwertheit, Freude, Leichtigkeit, Beweglichkeit und Lebenslust. All dies können Sie auch als Erwachsener wiederbekommen.....wenn Sie wie jedes Kind wieder täglich laufen. Oder haben Sie schon mal ein spielendes, vor Lust kreischendes, herumrennendes Kind mit Depression erlebt?
     
  4. Dürfen wir Sie so verstehen, dass Laufen ein Allheilmittel ist?
     
    Laufen ist tatsächlich die Wunderpille, für die jeder von uns ein Vermögen ausgeben würde, wenn es sie in der Apotheke zu kaufen gäbe. Der einzige große Nachteil dieser Wunderpille ist, dass es Sie umsonst gibt. Laufen ist der Einstieg, ist das Türchen zum Glück, weil die tägliche Bewegung in uns die somatische Intelligenz aufweckt, welche uns wieder instinktiv richtig essen lässt. Und weil tägliches meditatives Laufen den inneren Dialog stoppt. Also das unablässige Affengeschnatter, was uns unser Lebetag daran hindert, zu uns selbst zu gelangen.
     
    Genau dies ist das Geheimnis jeder Religion: das Stoppen des inneren Dialoges, die Meditation. Auch Rosenkranzbeten genannt. Der Weg zu sich selbst, und wenn Sie wollen zu Gott.
     
  5. Gestatten Sie zum Schluss eine etwas poetische Frage: Wie fühlt sich das an, das Herz eines (Marathon)-Läufers?
     
    Das Herz eines Marathonläufers ist ein ideales Organ. Es schuftet und arbeitet für Sie wohl hundert Jahr und .... Sie merken`s nicht. So wie jedes Kind einen idealen Körper hat. Das Kind hüpft und springt und isst, schläft und weiß gar nicht was ein Körper ist. Sie dagegen haben Ischias. Genauso, wie Sie einen solchen idealen Körper über das geheimnisvolle Türchen Laufen wiederbekommen können, genauso können Sie auch als Marathonläufer das ideale Herz in sich schlagen lassen. Und freuen sich und werden dankbar.