Kant und Newton

23.12.2015
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Weshalb wir Newton so bewundern? Weil er Naturgesetze gefunden hat, die nicht nur auf Erden gelten, sondern bis in den Himmel reichen. Und dann noch – ein zweites – die Voraussage von Galilei erfüllte – der selbst kein einziges exakt formuliertes Gesetz hinterlassen hat – und die Galileische Vision mathematischer Naturgesetze Wirklichkeit werden ließ.

Uns aufgezeigt hat, dass die Sprache der Natur die Mathematik sei.

Das hat Immanuel Kant so imponiert, dass er versuchte, dieses Wunder menschlichen Erkennens in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ genauer zu verstehen. Und dort prägt er auch den Begriff eines

Newton des Grashalms

mit dem er andeuten wollte, dass es für die Biologie nicht das geben könnte, was es für die Physik gegeben hat – nämlich einen biologischen Newton, der die mathematischen Gleichungen des Lebens finden könne.

In den folgenden Jahrhunderten haben Wissenschaftler gebetet, dass in ihren Reihen doch solch ein Newton auftrete, der…

und jetzt wunderhübsch formuliert: „… ihrem meist betulichen Sammeln von Daten den theoretischen Rahmen liefert, in dem sich dann eine exakte Disziplin entfalten kann“.

Ist das nicht hübsch formuliert? Alle Wissenschaft außerhalb der Physik war damals ein betuliches Sammeln. Ein Herumalbern. Ein Gequacksalbere. Natürlich auch die Medizin. Deswegen wollte (Zitat)

„alle Wissenschaft Physik werden. Und jede Wissenschaft wollte ihren Newton haben“.

Von dem man nämlich glaubte, er hätte uns das Universum als ausrechenbares Uhrwerk erfunden und dargestellt. Und alle Wissenschaft wollte so ein Uhrwerk werden. Präzision, Genauigkeit, Vorhersagbarkeit.

Ein Arzt also wollte den Kranken angucken, die Diagnose stellen, die richtige Therapie einleiten und den Menschen gesund machen. Über diese Fantasie können sie alle, liebe Leserinnen und Leser, nur lächeln. Fast jeder von ihnen hat ja wohl das Gegenteil bereits erlebt. Das Unvermögen der Medizin.

Dabei war Newton viel weiter. Der glaubte nicht an ein solch primitives Uhrwerk. Sondern der wusste, dass seine Gesetze ja nur Gleichungen waren. Und die Bewegung der Himmelskörper ja nur Lösungen seiner Gleichungen. Newton wusste ganz genau, wenn es jetzt sehr viele Himmelskörper gäbe, vielfältige gegenseitige Anziehungskraft und damit viele unbekannte Größen, dass seine Gleichungen dann

überhaupt keine Lösungen

ausspucken könnten. Newton vermutete doch tatsächlich – damit den Wissenschaftlern bis ins zwanzigste Jahrhundert weit überlegen – dass es wohl mehr Unbekannte als Gleichungen gäbe, weshalb Newton annahm, dass es zwangsläufig

Gott geben müsse

der ab und zu einmal korrigierend in den Lauf der Dinge eingreife.

Heute wissen wir, dass Newton Recht hatte. Dass das Universum, in dem wir leben, weniger ein Uhrwerk ist als vielmehr eine nebulöse Wolke, wie es Karl Popper einmal ausgedrückt hat. Also etwas Unbestimmtes, unscharf Begrenztes, sich ständig Veränderendes.

Deshalb wird es nie eine präzise Medizin geben, von der manche träumen. Medizin wird im Gegenteil immer so etwas wie Kunst bleiben. Ganz knallhart: Deswegen kann ich eine noch so gründliche Blutanalyse bei Ihnen durchführen, die präzise auswerten (das könnte auch ein Automat), und völlig daneben liegen.

Wenn ich Sie nicht gesehen habe, Ihnen nicht die Hand gegeben habe, Ihnen nicht in die Augen geblickt habe, nicht Ihren Stimmklang, die Intonation und den Sprechrhythmus gespürt habe… bleibt eine Blutanalyse blutleer.

Verstehen Sie das?

 

Quelle: E.P. Fischer „Schrödingers Katze auf dem Mandelbrotbaum“, Seite 132

 
 
 

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