Kennen Sie ankern?

26.10.2017
 

Wir glauben ja immer, weit hindenkend in der Welt helfen zu müssen. In Schwarzafrika. In Thailand. In Südamerika. Aufopferungsvoll. Meine uneingeschränkte Anerkennung all denen.

Und vergessen, dass wir Elend, Leid sehr wohl vor der Haustüre haben. Rentner, die aus der Mülltonne leben. Ich erlebe das, wann immer ich durch Nürnberg spaziere. Und versuche zu helfen. Familien mit vielen Kindern, die einfach nicht über die Runden kommen. Ich kenne die Familien. Und versuche zu helfen. Hier. Vor Ort. Mitten in Deutschland. Mal darüber nachgedacht, Ihr Entwicklungshelfer?

Genauso glauben wir (besonders ich), fremdländische Arbeiten zitieren zu müssen. Amerikanische. Chinesische. Und sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Auch hier bei uns gibt es kluge Denker. Einfallsreiche Wissenschaftler. Und junge Menschen, die nicht nur kiffen und Bier trinken.

Solch ein Mensch hatte mir ja soeben sechs Gast-News geschickt. Und fährt einfach fort. Falls ich Sie liebe Leserinnen und Leser, mit diesen Fremd-Texten nicht all zu sehr belästige (ich bitte um Rückmeldung), fahre ich einfach fort. In den nächsten Tagen weitere Gast-News.

Themen sind das Ankern, ist die somatische Intelligenz, ist „das Muster der Milliardäre“. Na, dann mal los:

Träume.

Gast-News Nr. 7

Soeben ist der älteste Deutsche 112 geworden. Gustav Gerneth, der nichts von Diäten hält. Fett, Schmalz und Steak liebt. Von Zigaretten die Finger gelassen hat, und Alkohol nur zu Feiern trinkt.

BILD berichtete er zu seinem 110ten Geburtstag: „Auf den Hintern soll man sich nicht setzen, da wird man steif!“.

Simple Rezepte für das lange Leben. Der Mensch mag es simpel. Das gibt uns das Gefühl von Sicherheit. Und das ist überlebenswichtig, sagt der Kognitivismus. Sagt Prof. Lisa Feldman Barrett. Hatte sie schon einmal erwähnt (siehe News „Realität“):

„What we experience as „certainty“ – the feeling of knowing what is true about ourselves, each other and the world around us – is an illusion that the brain manufactures to help us make it through each day. (…) I’m saying there is no single reality to grasp. Your brain can create more than one explanation for the sensory input around you (…)“

Man darf jetzt endlich die meditierenden Tagträumer auf wissenschaftlicher Basis ernstnehmen. Hatte 2006 meinem Chemienachhilfelehrer versucht Meditation beizubringen. War für ihn aus zwei Gründen ein Problem:

Er hielt Meditation für esoterischen Schwachsinn.

Er war hochintelligent, und hatte permanent inneren Dialog.

Konnte ihm damals leider weder „How emotions are made.“ zeigen, noch „Meditation für Skeptiker“ zitieren. Geschrieben vom Namenvetter Ulrich Ott. Der spricht den wichtigsten Punkt der Meditation auf Seite 83 an: dem Anker. Anker ist das gleiche wie certainty.
Ich meditiere, während ich arbeite. Die Meditation beginnt beim Erkennen meines gewohnten Arbeitsplatzes. Darum habe ich mehrere gewohnte Arbeitsplätze. Hier ist Anker. Jetzt beginnt die Meditation. Ich setze mich, beginne mit den immer gleichen Bewegungen. Warum? Anker. Buch, Block, Blackberry. Block aufklappen, Buch auf die linke Seite des Blocks. Buch auf, Notizen raus. Scharf gefaltet, Din A4. Letzten zwei Seiten rausgenommen. Ausrufezeichen neben Seitenangaben. Auuuuuuuusatmen. Anker. Eintauchen. Nach Zwiebelprinzip Gedächtnis auffrischen. Warum? Verlasse dich nicht zu sehr auf deinen Anker. Nicht steif sein. Kugelschreiber hat immer die gleiche, angenehm weiche Mine. Warum? Anker. Daumen links, ist nach oben gestreckt. Warum? Anker. Manchmal berührt er den Mittelfinger. Warum? Anker. Die Arbeit ist Entdeckungsreise. DinA4 vollgeschrieben. Blatt sofort vom Block trennen. Scharf falten, zu den Notizen. Abgehakt. Anker Weiter.

Und nächstes Mal wieder von vorn. Certainty.

Merken Sie? Es gibt keine „Warum“ Fragen. Es gibt nur certainty, und ein bisschen Eigenskepsis. Nicht zu viel. Das kostet. Daher gibt es die Wiederholung. Der Rest ist Entdeckungsreise. Wie ein Traum. Mein Traum ist es 114 zu werden. 1987-2101. Zwei Jahrtausende, drei Jahrhunderte. Und gegen’s steif werden hilft Sport. Den hat Herr Gerneth nicht gemocht.

 
 

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