Knochentrocken

06.05.2014
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Es gibt sie schon, die Funktionäre mit Lebenserfahrung. Funktionäre, die über der Sache stehen. Die sich Jahre, Jahrzehnte in einem Fachgebiet bewegen und dennoch… Mensch geblieben sind. Wenn man die einmal interviewt, wird es lustig. Denen fällt zu jedem Thema etwas Überraschendes ein.

Gibt's auch bei Gesundheitsfunktionären. So Hecken, Jurist, CDU, Leiter des gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), des mächtigsten Gremium des deutschen Gesundheitswesens: Hier wird über das Geld der Krankenkassen entschieden.
Hören wir doch mal rein:

Frage: Der G-BA erhält 30 Millionen Euro für einen Innovationsfond. Was wollen Sie mit dem Geld machen?

Hecken: Wir würden gerne unter anderem das Cochrane-Zentrum in Freiburg unterstützen...

Erinnern Sie sich? Prof Antes? Der in Studien bewiesen hat, dass „80 % der deutschen Ärzte vom globalen Wissenspool abgeschnitten sind“. Man könnte dieses „abgeschnitten“ natürlich sehr viel drastischer ausdrücken. Schau, schau, habe ich gedacht.

Frage: Werden Menschen mit seelischen Störungen falsch behandelt?

Hecken: Soeben ist das neue Handbuch der seelischen Störungen veröffentlicht worden (News vom 30.03.2013). Es enthält völlig neue Krankheitsbilder. Zum Beispiel wurde die Trauer, wenn sie länger als zwei Wochen dauert, zum behandlungswürdigen Tatbestand erhoben. Und plötzliche Wutausbrüche von Kindern wären demnach eine Krankheit, die bestenfalls mit Ritalin zu behandeln ist.

Frage: Sie meinen wahrscheinlich die Disruptive Mood Dysregulation Disorder – gibt es sie denn nicht?

Hecken: Naja, meine drei Kinder hatten durchaus diese unkontrollierten Wutanfälle – sie gingen regelhaft in ebensolche beim Vater über. Wir haben kein Ritalin verabreicht und bemerkt, dass diese Ausbrüche auch so verfliegen. Unter dem Night-eating Syndrom – ebenfalls eine neue Krankheit – leide ich übrigens auch gelegentlich.

Mitbekommen? Da macht sich jemand lustig über das Handbuch. Tatsächlich über die Psychotherapie. Macht sich begründet lustig. Merken die Herren das nicht (noch einmal News vom 30.03.2013)?

Frage: Die Deutschen sind Weltmeister der Praxisbesuche, jeder gesetzlich versicherte Bürger kommt auf mehr als 17 Arztkontakte im Jahr. Hat der Doktor die Rolle des Sinnstifters im Leben übernommen?

Hecken: Für viele Menschen scheint es …einfach nicht mehr möglich zu sein, behandlungsbedürftige Tatbestände von Befindlichkeitsstörungen abzugrenzen, mal zu sagen: OK, jetzt läuft die Nase, ich lege mich mal zwei Tage ins Bett.

Muss man nicht kommentieren. Das mit dem Sinnstifter hat der Spiegel völlig richtig erkannt. Kann ich als Hausarzt nur bestätigen.

Frage: Inwiefern darf man den Menschen zumuten, ihr Verhalten zu verändern, um das Gesundheitssystem zu entlasten?

Hecken: Die Zumutung steht ja im Sozialgesetzbuch: Der einzelne Kranke hat Anspruch darauf, dass ihm die Allgemeinheit hilft. Und der Einzelne IST VERPFLICHTET durch seine Lebensführung dazu beizutragen, dass er Krankheiten vermeidet, verhindert und Heilung unterstützt.

Sie sind verpflichtet! Jeder Beamte hat das sogar noch mal extra in seinem Eid bekräftigt. Wenn ich mir dann den tüchtigen Herrn Altmaier angucke… kann ich stundenlang über das Wort "Verpflichtung" nachsinnen.

Fazit: Hecken ist ein Funktionär, der über das Sache steht. Beeindruckend. Wahrscheinlich gibt es davon viele. Wir kriegen es nur nicht mit.

Quelle: Spiegel 3/2014, S 104

 
 
 

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