Lakonisch

12.07.2012
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Heißt emotionslos, heißt abgestumpft. Werden die meisten von uns im Laufe eines längeren Berufslebens. Werden auch Staatsanwälte, auch Rechtsanwälte und...wir Ärzte. Unbestreitbar. Bei Chirurgen besonders deutlich, die schon aus reiner seelischer Notwehr sich eine "dicke Haut" zulegen müssen.

Seit Jahren versuch ich's auch. Scheint nicht zu klappen. Mir geht jeden Tag, regelmäßig, der Hut hoch. Beim Lesen von all dem, was mein Fachgebiet angeht. Die Medizin. Die von mir immer mehr bewunderte und verehrte. Ein typisches Beispiel?

Wunderschönes kleines Büchlein über Kohlenhydrate. Über den Diabetes. Da lerne ich von einem 5-jährigen Kind aus Leipzig, weltweit der jüngste Patient mit Altersdiabetes, der natürlich doppelt so dick war wie seine Alterskollegen. Natürlich. Übergewicht wird in Maischberger-Talkshows sogar von Ärzten verteidigt. Kleingeredet. Nun ja.

Und dann lese ich in dem sonst so engagierten Büchlein Sätze wie:

"Heute weiß man, dass hauptsächlich kohlenhydratreiche Kost die Muskeln dazu drängt, gegen das körpereigene Insulin unempfindlich zu werden (Insulinresistenz, Diabetes)... Doch anstelle einem Diabetiker mit gestörtem Insulinhaushalt weniger von jenem Nährstoff zu empfehlen, mit dessen Verstoffwechselung er ohnehin schon große Probleme hat, gelten für Diabeteskranke die gleichen Empfehlungen einer kohlenhydratbetonten Ernährung, wie für den Rest der Bevölkerung".

Da geht mir der Hut hoch. Der Verfasser hat diese Phase offenbar hinter sich. Der schreibt lakonisch. Abgestumpft. Der stellt einfach fest. Wissen Sie, wen der mit "Empfehlungen" meint?

Googeln Sie einfach die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Unsere staatliche Ernährungsbehörde. Die Verantwortung für uns übernimmt(???) Googeln Sie einfach die Deutsche Diabetesgesellschaft. Die oberste deutsche Institution, was den richtigen Umgang mit Diabetes, mit dieser Krankheit angeht.

Genau dort finden Sie diese haarsträubenden Empfehlungen.

Volksaufstand? Protest? Nein. Resignation, stille Verzweiflung. Ist halt so. Was soll ich Einzelner gegen solch große Institutionen ausrichten? Wissen Sie, mir saß an meinem Schreibtisch der Gesundheitsminister gegenüber. Kluger Mann. Hat mir völlig recht gegeben. Hat mich verstanden. Aber meinte: "Strunz, damit kommen Sie in Deutschland nicht durch".

Hat er Recht. Wenn es dann nicht in diesem Büchlein so Zahlen gäbe wie 6.000 Menschen, die jährlich erblinden wegen der Zuckerkrankheit. Das war meine Mutter. Oder 30.000 Diabeteskranke, die jährlich den Fuß abgehackt bekommen. Nicht so ganz erstrebenswert. Oder?

Für Gauck beruht der hehre Begriff "Freiheit" ja eben nicht auf Beliebigkeit, nicht auf jeder kann machen und sagen was er will, sondern auf Verantwortung. Verantwortung vor dem Mitmenschen.

PS: Das Büchlein hat ein Vorwort von der zweifachen Olympiasiegerin Heide Rosendahl. Die verblüfft feststellt, dass sie vor 40 Jahren sich von Fleisch und Salat ernährt hätte. Also völlig falsch. Und erst später von richtiger Sporternährung, also Brot, Nudeln und Müsli erfahren hätte. Da war es dann leider zu spät. Sie hatte ihre Goldmedaillen schon. Ei der Daus.

 

 

 

 
 
 

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