Leben im Glück: Die Aminosäuren (Teil II)

18.05.2014
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CHEFHORMON

Noch Wünsche? Eigentlich sind wir ja unersättlich. Das bisherige sollte doch genügen. Tut’s natürlich nicht: Sie denken an den Alltag. An Ihr Geschäft. Wo Sie sich derrennen. Mit 20, 25, 30 Angestellten. Wie bekommt man den Hühnerhaufen in den Griff. Ihr tägliches Problem. Heißt also: Wie wird man eigentlich Chef? Wie wird man eine Führungspersönlichkeit? Auch hier können wir von den Tieren lernen.

Nehmen Sie mal eine Affenhorde im Käfig. Der Vergleich liegt ja nahe. Wenn sie mit geschultem Blick hineingucken, werden Sie immer einen Chefaffen erkennen. Der sitzt links oben. Die anderen sind die Angestellten. Die Frage nun: Wodurch unterscheidet sich der Chefaffe von seinen Angestellten. Wieder fallen Ihnen banale Erklärungen ein. Wie: "Der tut nix." Nun gut. Aber es gibt eben auch eine sehr raffinierte, die Sie auf sich übertragen können, ein biochemische: Der Chefaffe hat doppelt soviel Serotonin im Blut.

Serotonin. Ihnen allen aus der medizinischen Fachliteratur bekannt, also aus Vogue, Madame, Elle, der Bunten. Serotonin wird das Glückshormon genannt. Ach, wenn's so einfach wäre.

Bei den Affen hat man nämlich weiter experimentiert: Kaum nimmt man den Chefaffen aus dem Käfig heraus, wird einer seiner früheren Angestellten der neue Chef. Und wenn sie jetzt messen, hat der plötzlich doppelt soviel Serotonin im Blut. Was er vorher nicht hatte. Oh Wunder der Natur.

Es geht ja noch weiter: Hat man mal einen ganz jungen Schwächling genommen. So einen verhuschten Randaffen und hat dem Serotonin gespritzt. Wusch. In der Originalarbeit "We gave him a boost". Man hat ihn geboostert. Prompt wurde der junge Randaffe zum Chef. Durfte sich links oben auf den Ast setzen.

Die anderen sind – wird genau beschrieben – misstrauisch um ihn herumgestrichen. Haben hochgeäugt. Haben gerochen: Hier stimmt doch etwas nicht. Wollten Ihn vertreiben. Kamen eben aber nicht an ihn heran. Sie hatten eine innere biologische Sperre.

Ein wesentlicher Begriff. Für Sie! Wenn Sie es schaffen würden, dass Ihre Dutzende Angestellten alle eine innere biologische Sperre hätten, dann hätten Sie...gewonnen. Dann wären Sie wahrhaft Chef. Wie man das macht, erfahren Sie soeben:

Natürlich war der Boost, die Spritze in diesem Beispiel nach drei Stunden wieder abgeklungen, und der junge Schwächling wurde vertrieben, verbissen. Sie... bräuchten viel Serotonin, ständig!

Serotonin ist nämlich in Wahrheit das Chefhormon. Die Wirkungen sind bekannt:

  • Macht gute Laune
  • Schafft inneren Abstand

Gute Laune versteht man. Deshalb Glückshormon. Innerer Abstand? Leicht verständlich: Sie verbeißen sich nicht mehr in den täglichen Kleinkram, in die täglichen Probleme. Gehen nicht mehr in den Problemen auf, verlieren jeden Überblick, verzweifeln bis hin zum Burnout.

Sondern Sie gehen auf Distanz. Sie treten innerlich drei Schritte zurück. Sie betrachten das Problem von außen. Überlegen. Und finden eine Lösung. Eine glänzende Beobachtung.

Ich weiß ganz genau, dass ich die ersten 45 Jahre meines Lebens zu wenig Serotonin in meinem Gehirn herumkullern hatte. Ich habe mich immer in Probleme verbissen. Wirkte immer angestrengt. Wirkt immer überlastet. Habe das Geheimnis gerade noch rechtzeitig zum Abschluss meiner Pubertät mit 45 kennengelernt.

Übrigens interessante Beobachtung: Chefsein scheint also zu bedingen, nicht nur souverän Abstand zu halten, Überblick zu haben, sondern auch gute Laune. Sagt uns die Biochemie. Sagt uns die Natur. Uns ach so klugen Menschlein. Mit unseren tausenden Ratgebern: Wie wird man eine Führungspersönlichkeit. Es ist doch so simpel, schlicht und einfach.

TRYPTOPHAN

Ja, woher nehmen? Serotonin entsteht im menschlichen Körper aus Tryptophan. Sie werden es kaum glauben, aber: Eine Aminosäure. Wir sind wieder voll beim Thema. All das, was Sie sich im Leben wünschen und erträumen, beruht auf Aminosäuren. Wenn Sie nur diesen Satz heute mit nach Hause nehmen...Tryptophan ist die seltenste Aminosäure in der Natur. Bemerkenswert. Vielleicht möchte die Natur nicht so viele Chefs? Die sollen vielleicht rar bleiben?

Tryptophan ist in jedem Schnitzel. Prima denken Sie sich. Dann ess ich jetzt zehn Schnitzel, werde Chef und übernehme den Laden. Jaaa, nicht schlecht gedacht. Funktioniert leider nicht. Das liegt wieder an einer biochemischen Tatsache:

Tryptophan nennt der Chemiker eine große Aminosäure. Und es gibt 8 große Aminosäuren. Und diese 8 konkurrieren um das kleine Türchen ins Gehirn, durch welches Tryptophan sich aus dem Blut ins Gehirn zwängen möchte. 7 Konkurrenten gegen ein Tryptophan. 7 gegen 1. Das Ergebnis können Sie sich denken: Es kommt kaum was an.

Drum bleiben die Meisten Angestellte. Weil sie den kleinen, entscheidenden Trick nicht kennen: sie können die 7 Konkurrenten vertreiben, indem Sie den Insulinspiegel anheben. Insulin schleust die 7 anderen Aminosäuren direkt in die Muskelzelle. Tryptophan bleibt in Ihrem Blut allein übrig, strömt ins Gehirn und...Ahhh. Sie bekommen Abstand, Überblick, Souveränität und gute Laune. Fangen das Grinsen an. Chefverhalten.

Manche von Ihnen kennen das. Manchen von Ihnen ist das – eher zufällig schon mal passiert. Manche von Ihnen haben aus Versehen mal richtig gegessen. Auch wieder so ein Begriff. Meine Damen und Herren, es gibt ein richtiges Essen. Aber eben nur eines. Das werden Sie in Brigitte, Madame oder Focus nicht finden. Die reden von ausgewogen, reichhaltig, abwechslungsreich, schlicht: Kunterbunt. Nix genaues weiß man nicht. Nun ja: Wer schreibt das? Ein angestellter Redakteur.

Solch ein richtiges Essen ist auch mir einmal aus Versehen passiert. Unvergesslich. An der Cote d'Azur. Oberhalb von Monaco. In Eze. Hatte ich Loup de Mer bestellt. Vom Grill. Und dazu Sauce Bearnaise. Viel. Noch mehr. Ich liebe Sauce Bearnaise.

Der Fisch kam, die Soße nicht. Tja. Habe ich reklamiert. Grober Fehler. Ein Deutscher mit erkennbar deutschem Akzent reklamiert in französischem Luxusrestaurant. Schlechter Stil. Resultat: Die Soße kam nie.

Also habe ich den Fisch trocken verzehrt. Einfach so. Mit Zitrone, darüber gedrückt. Hat der eine oder andere von Ihnen - glücklicherweise! – auch schon mal probiert. Es kam also erstmals in meinem Leben Eiweiß pur ohne Fett in meinen Magen. Will sagen: Wurde sofort verdaut. Sie wissen, dass Fett die Verdauung lähmt. Muss ich Ihnen nicht erklären. Essen Sie mal eine Schweinshaxe zum Abendessen. Die haben Sie morgens um 3.00 immer noch im Bauch. Fett lähmt die Verdauung.

EIWEIß PUR

Jetzt also Eiweiß pur. Wurde sofort verdaut. Die Aminosäuren strömten nur so in mein Blut. Fluteten an. Hilft leider nix: Es waren ja alle 8 Konkurrenten. Und dann kam das Dessert. Cassis-Sorbet. Extra Portion. Extra viel. Reiner Zucker, wenn Sie so wollen. Mein Insulinspiegel stieg in ungeahnte Höhen, die 7 Konkurrenten, also die 7 großen Aminosäuren verschwanden im Muskel, Tryptophan blieb allein übrig, strömt in mein Gehirn und die Sonne ging auf. Schlagartig innere Freude, gute Laune, tiefste Zufriedenheit und... Abstand. Ich weiß noch, wie ich mich zurückgelehnt habe, beide Arme auf die Stuhllehnen recht und links und mit tiefer Zufriedenheit aus dem Panoramafester geguckt habe. Hinunter über Monaco, über Cap Antibes. Und mir gedacht habe: Hier möchste mal sterben. Unvergesslich.

Hat sich tief eingebrannt. Selbstverständlich dürfen wir nie übersehen, dass sich solche tief eingebrannten Glaubenssätze wie "hier möchtest mal sterben" verselbstständigen. Nennt man self-fulfilling prophecy. Jetzt wissen Sie, weshalb ich seither die Cote d’Azur streng gemieden habe. Aber dermaleinst, wenn ich 109 Jahre bin, Monaco wieder besuchen werde. Mit dem erwarteten Ergebnis. Nur, um den Holländern eins auszuwischen. Was der Joopi Hesters kann, können wir Bayern schon lange. Der hat nur 108 Jahre geschafft.

Fazit für Sie? Eiweiß. Eiweiß pur. Möglichst ohne Fett. Hinein damit. Es gibt kein Zuviel, wie Ihnen jeder Löwe beweist. Und eine Stunde später Insulinspiegel anheben. Die leichteste Übung der Welt. Jedes Kind macht’s Ihnen mit schokoladenverschmiertem Munde vor.

Die Praxis? Morgens Eiweißshake pur. Am Vormittag eine Hand voll Rosinen. So mach ich's, wenn ich anschließend den Chef in der Praxis herauskehren möchte. Wenn’s mal wieder nötig ist. Und mittags?

Mittags Fisch. Pur. Vom Grill. Mit Zitrone. Dann süßes Dessert. Mache ich, wenn am Nachmittag ein Problempatient erwartet wird. Dem ich mit unerschütterlich bester Laune und souveränem Abstand begegnen möchte. Um zu überleben. Auch Sie kennen solche Klienten.

Noch einmal: Leben ist leicht. Glück, Erfolg, Energie schenkt Ihnen die Natur. Beweist Ihnen jedes Tier. Wir sehen es nur nicht. Die Biochemie weiß. Kurz, knapp, prägnant und wirksam. Nur lesen Sie die Fachartikel nicht. Biochemie isses. Da brauche ich keine der unendlich vielen Ratgeberbücher mehr.

 
 
 

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