Leben mit Fury

02.04.2019 | Strunz
 

Sie könnten lernen. Täglich lernen. Sogar aus Zeitschriften wie dem SPIEGEL. Hilfreiches für Ihre persönliche Lebensführung. Denn selbstverständlich hat jeder Mensch irgendwelche Probleme, auch gesundheitliche. Daran kann man verzweifeln, kann man eingehen, man kann aber auch lernen, damit umzugehen.


Lerne, mit deiner Krankheit umzugehen!


Das mag Migräne sein. Oder Bauchschmerzen. Oder Kreuzweh. Oder Depression. Oder Krebs. Man kann tatsächlich lernen, sich mit seiner Krankheit zu arrangieren, sie womöglich loszuwerden. Denn noch einmal: Nicht die Tatsachen an sich sind wichtig, sondern die Art, wie wir mit den Tatsachen umgehen.

Erstaunliches lese ich da gerade von einem Boxer. Schwergewichts-Weltmeister 2015. Der damals Klitschko, den „besten Boxer unserer Generation“ vorgeführt, besiegt hatte. Der Mann heißt Tyson Fury. Ein nach schulmedizinischen Vorstellungen schwer kranker Mann.

Schwer krank? Aber Weltmeister?

Nun ja. Seit Kindheit manisch-depressiv. Hat sein ganzes Leben an depressiven Phasen gelitten. Wollte nicht mehr leben. Und hat nach der Weltmeisterschaft 2015 zwei Jahre abgeschaltet.


Sich fast zu Grunde getrunken. Alkoholismus. Kokain. Zum Alkoholiker, zum Junkie
wurde er wegen einer schweren Depression.


Und meint


„Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass ich eine unheilbare Krankheit habe. Aber man kann es zu einem Problem machen, das handhabbar ist, mit dem man umgehen kann!“


Sagt ein Mann, 2.06 m groß, damals 180 kg schwer, der täglich literweise Bier trank und sich massiv Kokain durch die Nase zog.

Nun begegnet der Journalisten. Für mich phänomenale Menschen. Ausnahmeerscheinungen. Vor denen auch ich vor einigen Jahren endgültig geflohen bin.

Und solch ein Journalist fragt den Ex-Weltmeister Fury:


„Nehmen Sie Pillen gegen Ihre Erkrankung?“
Fury: Nein.
Journalist: Sie sind manisch-depressiv, und Sie behandeln das nur mit Training?
Fury: Training ist meine Medizin. Ich trainiere jeden Tag, also nehme ich jeden Tag Medizin.


Eine völlig neue Sicht. Gibt´s in der Schulmedizin praktisch nicht. Epigenetik. Einfach die Lebensweise verändern und dadurch auf Medikamente verzichten können. Hören wir aus dem Munde eines Boxers. Hört irgendein deutscher Psychotherapeut hier zu?

Aber machen wir weiter mit dem Journalisten. An dem selbst ein Box-Weltmeister innerlich verzweifelt. Das geht so:


Journalist: Ihr Kampf gegen den jetzigen Weltmeister Wilder hat die Box-Welt elektrisiert (unentschieden). Haben Sie nach dem Kampf eine Pause gemacht?

Fury: Der Kampf war am 1. Dezember. Ich kam am 4. Dezember wieder nach Hause, am 5. war ich im Studio und habe wieder trainiert

Journalist: Keine Pause?

Fury: Sie verstehen nicht (Kommentar: Hier verzweifelt er völlig. Will oder kann der nicht verstehen? Aber weiter:) Ich muss trainieren! Jeden Tag. Mir geht´s sonst nicht gut. Depressionen, Panikattacken. Das Training schüttet Endorphine aus. Das tut gut.


Und dann der Satz


„Man weiß erst, wie schlecht es einem ging, wenn es einem etwas besser geht“


Wie wahr. Wir leben vom Vergleich. Was der Boxer hier einem Intellektuellen klar machen möchte: Training, den Körper einzusetzen, die Muskeln bewegen ist lebenswichtig. Schwer zu vermitteln. Schwierig bei einem klugen Journalisten. Ich darf das sagen, weil mir es auch oft genug nicht möglich war. In Hunderten von Gesprächen. Viele davon gedruckt. Und wenn man den Journalisten nicht überzeugen kann, dann kann man es auch nur schwer weiter geben. Dann wird das ja auch nicht abgedruckt. Verstehen Sie mein Dilemma?

Verstehen Sie das Dilemma von Fury?

Aber ganz offensichtlich sind manche Tatsachen nicht mitteilbar. Die muss man eben erst erfahren haben. Persönlich erfahren haben. Und da stimmt´s dann wieder: Auch ich hätte mit 44 Jahren das Gerede eines Fury nicht verstanden. Hätte nicht verstanden, dass erst Bewegung aus einem Körper einen Menschen macht. War also damals - zugegebenermaßen - auf dem intellektuellen Niveau der heute von mir so geschmähten Journalisten. War also auch nicht weiter, nicht besser.

Und genau daran hapert die Medizin. Hapert die Schulmedizin: Wenn der Arzt selber das noch nie gespürt hat, das Glücksgefühl nach einem Marathon, die Testosteron-Ausschüttung nach einem Krafttraining, wie soll er dann einen Patienten motivieren, sich „seines Körpers zu bedienen“. Mit den Muskeln das zu tun, wozu sie von der Evolution geschaffen wurden.

Eine ganz zentrale Einsicht. Die gesamte Schulmedizin, die Medikamenten-Medizin ist praktisch überflüssig. Auch Antibiotika. Wenn man sich vorher seines Körpers richtig bedient hätte. Dann wäre am Beispiel Antibiotika ja das Immunsystem vorher schon unschlagbar gewesen. Und man hätte die Herzbeutelentzündung nicht bekommen.

Ich spreche so deutlich deshalb, weil ich soeben Daniel Lieberman wieder gelesen habe „The Story oft the Human Body“. Lieberman (bekannt aus deutschem Fernsehen. Der Professor, der jeden Morgen auf dem Vorfuß in die Uni rennt), Lieberman lebt von dieser Grundidee: Die Evolution, wenn befolgt, rettet uns vor praktisch jeder Krankheit.

Quelle: DER SPIEGEL Nr. 9/23.02.2019, Seite 102

 
 

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