Neurobics sind ganz schön bescheuert – aber sehr effektiv

11.09.2006
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Was wäre die klassische Komödie ohne den obligatorischen alten Trottel, der morgens in der Mülltonne nach frischen Socken sucht? Zweifellos: Der Typ ist eine lustige Figur. Aber auch eine, die Angst macht. Denn irgendwann wird jeder selber alt sein. Alt und verblödet. Und dann lachen die anderen. Ein unausweichliches Schicksal? Eben nicht. Dank der Forschung landen manchmal auch alte Mären, wo Opa seine ausgedienten Hüte lagert: im Keller.
Wenn Sie die ersten Seiten dieses Buches gelesen haben, dann wissen Sie: Die Mär vom geistigen Verfall, der mit zunehmendem Alter unaufhaltsam fortschreitet, ist heute widerlegt. Trotz der Tatsache, dass das Demenzrisiko mit dem Älterwerden steigt. Nur: Das hat nicht – wie früher angenommen – mit biologischen Ursachen zu tun. Sondern mehr mit Vernachlässigung. In der Regel benutzt der erwachsene Mensch sein Gehirn nur um einen Bruchteil so intensiv wie ein Kind oder ein Jugendlicher. Weil er irgendwann genug weiß, um zu überleben. Er hört auf zu lernen. Anstelle von Neugier tritt Routine. Und das Gehirn baut ab.

Die Zukunft gehört dem Geist-Gym

Ein lascher Muskel liebt Autos, Busse, Rolltreppen und Parkplätze direkt vor der Haustür. Der starke Muskel liebt den Widerstand. Genauso verhält es sich mit dem Gehirn. Um fit zu bleiben, braucht es Herausforderungen, die der Alltag im Leben der meisten Menschen nicht mehr bietet. Neurologen haben dieses Problem schon lange erkannt, und sie empfehlen Denksportaufgaben, Rechenübungen, Kreuzworträtsel und Schach. Das ist alles schön und gut. Allerdings „stimulieren Logikaufgaben nur einen kleinen Teil des Gehirns, sie nehmen zusätzliche Zeit in Anspruch, die niemand hat.“ sagt der US-Neurobiologe Lawrence Katz. Sein Rezept ist anders. Er empfiehlt Übungen, die kindliche Offenheit und Neugier wecken. Katz nennt sie „Neurobics“. Sie lassen sich mühelos in den Alltag einbauen und fordern die Aktivität und das Zusammenspiel der verschiedenen Gehirnregionen. Das sollten Sie ruhig mal ausprobieren:

Spielen Sie Blinde Kuh

Das geht auch ohne ein Tuch zum Augen verbinden und Mitspieler. Sie tun einfach, was Sie täglich tun – nur mit geschlossenen Augen. Fühlen Sie morgens unter der Dusche, wo Waschlappen und Seife liegen. Versuchen Sie blind zu frühstücken und ertasten Sie anschließend das Türschloss Ihres Autos. Variation: Statt zu tasten, hören, riechen und spüren Sie, was Sie nicht sehen können. Geht am besten, wenn Sie mit geschlossenen Augen U-Bahn fahren und versuchen die Stationen zu erraten. Kurz vor der Station „Schumannstraße“ quietschen die Gleise. Hält die Bahn am „Regerplatz“, dringt der Geruch der Pommesbude auf dem Bahnsteig in Ihre Nase. Und am Hauptbahnhof hören Sie die Lautsprecher in der großen Halle.

Machen Sie alles mal mit links (oder rechts)

Kommt darauf an, ob Sie Links- oder Rechtshänder sind. Hauptsache, Sie versuchen es mit der verkehrten Hand: Zähneputzen, zeichnen und schreiben, eine Gitarre spielen, einen Artikel aus der Zeitung ausschneiden. Nein, rasieren bitte nicht!

Seien Sie Alice im Wunderland

Entdecken Sie immer wieder die Welt aufs Neue. Dazu brauchen Sie weder eine Zauberpforte noch ein Flugticket. Es genügt schon, wenn Sie eingefahrene Pfade verlassen: den Weg zur Arbeit, zum Supermarkt, zum besten Freund. Verlassen Sie eine Autobahnstrecke, die Sie oft fahren, eine Ausfahrt früher und legen Sie den Rest über Land zurück. Biegen Sie von der Wanderroute ab und wagen Sie sich querfeldein. Erschließen Sie in Ihrer Stadt Viertel, die Sie noch nicht kennen.

Bringen sie Ihre Ordnung durcheinander

Beginnen Sie am besten mit der gewohnten Ordnung an Ihrem Arbeitsplatz. Stellen Sie die Gegenstände auf Ihrem Schreibtisch einfach um. So, dass Sie immer im Leeren landen, wenn Sie nach dem Locher oder dem Telefon greifen. Genauso machen Sie es mit dem Kleider- oder Küchenschrank. Einfach alles umräumen.

Wechseln Sie die Perspektive

Wie viele Stammplätze gibt es in Ihrem Alltag: den Bankplatz neben der Musikbox in ihrer Stammkneipe, den blauen Stuhl am Esstisch, den Eckplatz neben der Tür am Konferenztisch, den Liegeplatz unter der Fichte im Freibad? Entwurzeln Sie sich und spielen Sie die „Reise nach Jerusalem“: Platzen Sie, wo Sie der Zufall hintreibt – und staunen Sie.

Spielen Sie

Betrachten Sie das Leben mit seinen unendlichen Möglichkeiten als riesige Spielzeugkiste, deren Inhalt Sie nur zu einem winzigen Bruchteil kennen. Was haben Sie noch nie gemacht: Rollerbladen, ein Instrument gespielt, einen Aktzeichenkurs absolviert, einen Hummer gegessen, ein Buch von Hermann Hesse gelesen, mit einem Ballon gefahren, nach China gereist, ein Walross gestreichelt, in einem Fluss geangelt, ein Ballkleid getragen? Einfach tun. Wichtig: Sie dürfen – wie ein Kind – oberflächlich und sprunghaft sein. Wenn Sie keine Lust mehr haben, einfach aufhören und was Neues ausprobieren. Es geht nicht darum, dass Sie was durchziehen, sondern dass Sie Ihr Gehirn neuen Herausforderungen stellen.

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