Oliver Sacks

23.07.2015
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Ist ein berühmter britischer Neurologe, der in rund einem Dutzend Bücher von den tragischen, erstaunlichen oder auch komischen Schicksalen seiner Patienten berichtet hat.

Auch ein ganzes Buch über MIGRÄNE verfasst hat. Denn sein erster Patient vor fast 50 Jahren in New York litt an Migräne. Migräne ist für einen so hocherfahrenen Neurologen wie Sacks ein „gestörtes Gleichgewicht“. Eine „ungezügelte parasympathische Aktivität“. Sein Buch habe ich nicht gelesen. Aber ich nehme an, dass das genau in dieser Tonart fortgesetzt wird. Da wird gerätselt, philosophiert und mit klugen Fremdwörtern jongliert.

Mag ich nicht. Ich hatte nicht nur, ich litt an Migräne. Schmerztabletten handvollweise. Verzweiflung pur. Als praktischer Arzt (ich bin kein Neurologe) helfe ich lieber praktisch. Diese „ungezügelte parasympathische Aktivität“ können Sie stilllegen. Schlicht und einfach mit Magnesium. Wenn Sie verstanden haben (und das hat eben fast niemand), dass es auf Ihren Blutwert ankommt, dass Sie messen müssen. Und nicht einfach „Magnesium nehmen“ müssen. So heilt man Migräne.

Notfalls natürlich auch  mit Marathon laufen. Symbolsprache. Oder mit Meditation. Symbolsprache. Einfach wieder ins Gleichgewicht kommen. Nur: Das hätte ich damals, selbst Patient, gar nicht verstanden. Der Mensch braucht klare, knappe Gebrauchsanweisungen: Magnesiumspiegel im Blut über 1,0 mmol/l.

Ich vermute, dass diese Art zu denken dem Neurologen Sacks fremd ist. Vermute das deshalb, weil er soeben in seiner Autobiographie über seine Krebsbehandlung schreibt. Malignes Melanom. Lebermetastasen. Embolisation der Leberarterien. Und der daraufhin vier merkwürdige Zustände erlebt, die er sich selbst nicht erklären kann. Die einem Molekularmediziner freilich zugänglich wären, weil der ganz anders denkt. Die vier Zustände?

  • Entsetzliche Müdigkeit und Schlafanfälle
  • Schon ein Schluckauf führt zu Schmerzexplosion, zu Schmerz-Orgasmus
  • Ansammlung gewaltiger Mengen von Körperflüssigkeit in seinem Körper.
  • Die Thermoregulation geriet aus dem Lot: In einem Moment fieberte ich, Minuten später war ich unterkühlt.

Hat mich – abgesehen vom Mitleid – fasziniert. Diese vier Punkte. Darüber könnte ich ein Buch schreiben. Präzise das habe ich persönlich erlebt. Wasseransammlung? „Meine Füße schwollen dermaßen an, dass sie fast nicht mehr als Füße zu erkennen waren. Um meinen Leib bildete sich ein dicker Reifen von Ödemen.“

Habe ich wörtlich so erlebt. Aber mir eben auch erklären können. Und dann langsam – stark verlangsamt im Hirn, mit größter Denk-Mühe – auch die Abhilfe gefunden. Molekularmedizin.

Oder das mit der Thermoregulation. Minutenlang Schüttelfrost, minutenlang Extremschwitzen. Ich meine buchstäblich literweise. Das war nicht seine Krebsbehandlung, das waren die notwendigen Schmerzmedikamente. Hätte ich ihm sagen können.

Fazit: Dass die Schulmedizin ziemlich hilflos ist, haben wir alle ja längst aus Fallschilderungen auf dieser Website mitbekommen. Würde jeder von Ihnen sehr schnell nachvollziehen, wenn Not am Mann wäre…Und dass Ärzten genau das Gleiche passiert wie ihren eigenen Patienten, erzählt uns so ein berühmter Neurologe wie Oliver Sacks.

Quelle: SPIEGEL 22/2015 S. 124

 
 
 

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