Respekt, Anstand, Demut

22.10.2019 | Ulrich Strunz jun.
 

Gast News Nr. 84 von Strunz Ulrich jun.

Die erst kürzlich publizierte News "Sport ersetzt Schmerzmittel" vom 08.10.2019 (siehe hier) erzählt Ihnen das größte Geheimnis meines Vaters - nur eben nicht ganz.

Was er Ihnen natürlich nicht erzählt hat:

Wie er als junger Mann aufgrund seiner kaputten Knie seine Tanzkarriere beenden musste. Dass er als 1er-Schüler, dem der damalige Bundespräsident zum Abitur noch die Hand schüttelte, jetzt mit Heizdecke über den Beinen im Hörsaal, auch mal heulend am Straßenrand saß. Weil die Schmerzen ihn übermannten.

Natürlich ist man als derart erfolgreicher Schüler und Student nicht sonderlich beliebt. So ein Tiefschlag treibt dich nur noch mehr in die Außenseiterrolle. Niemand hilft dir bei deinen Schmerzen.

Bei enormen Schmerzen merkt man, wie alleine man sein kann.

Jetzt kommt ein Professor aus dem Waldkrankenhaus Erlangen, und gibt etwas Hoffnung. Wie in der News beschrieben.

Nur, warum sollte man denn jetzt, im Unglück, als Opfer dem niemanden hilft, als junger naiver Mann, sich von den Worten helfen lassen? Es ist ja noch lange nicht gesagt, dass man jetzt die Worte umsetzt.

Also trotz Schmerzen, üble Schmerzmittel schluckend, sich weiterbewegt. Nicht aufgibt?

Was treibt den Menschen an, aus seiner Opferrolle heraus zu springen, und für kurze Zeit etwas noch schmerzhafteres zu tun,…um auf lange Sicht weniger Schmerzen zu empfinden?

Die Antwort meines Vaters: Respekt. Er hatte Respekt vor Professoren. Es war nicht die Verzweiflung, sondern der innere Glaube, dass eine Person, die er respektierte, auch etwas Wahres sagen muss.

Respekt, zum Beispiel vor dem Tier, führt zum Anstand. Der Anstand kommt aus der Jagd. Man stellt sich vor der Jagd auf, wohl wissend, dass man nun ein Tier töten wird, damit es im eigenen Magen landen wird. Man gibt hier zu, egoistisch zu handeln. Das zuzugeben, ist Anstand.

Anständig zu sein erfordert, sein besserwisserisches Ego loszuwerden. Das Ego verringert sich radikal zum Beispiel mit 150 Stunden Bodenkampftraining, also durch mentale und körperliche Schmerzen.

Völlig erlischt Ego durch Demut. Nicht irgendeine Demut. Meditation bedeutet, eigentlich, vom einen Bewusstsein wahrgenommen zu werden. Um in diesen Zustand zu gelangen, zum Beispiel durch die Übung 27 "Realitäten verschieben" (siehe "Arsch hoch beginnt im Kopf"), erfordert es, Respekt und Anstand zu begreifen.

Fehlen Respekt, Anstand und die Erfahrung der Demut, wird ein Menschelein sitzen bleiben, weiter - zu Recht - weinen. Und vielleicht aus Schmerz und Hass andere Menschen mit sich reißen.

Sie dürfen das eine Bewusstsein, das nicht Sie wahrnehmen, sondern das Sie wahrnimmt, besuchen. Ganz kurz. Das ist mir mit 14 passiert. Es war überwältigend, beängstigend, völlig real und gewaltig. Seitdem verstehe ich, wo Demut herkommt und was sie bedeutet. Es ist ein GEFÜHL

Ein Gefühl, so überaus wichtig: Für den Einzelnen und für ein ganzes Land.

 
 

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