Rollstuhl oder Marathon?

26.10.2019 | Strunz
 

Klingt absonderlich. Vor dieser Entscheidung stand der mail-Schreiber von heute. Ein mir wohl vertrauter Gedanke, wie Sie vielleicht wissen… Dem ging´s ganz ähnlich.


Die übliche Entscheidung zwischen Drohmedizin und Frohmedizin. Kann man auch anders formulieren: Wollen Sie lieber Krebs kriegen oder gesund über die Alpen radeln? Wenn Sie jetzt glauben, dass hier jeder Mensch die gleiche Antwort geben würde, da täuschen Sie sich. Die über 500.000 auch in diesem Jahr an Krebs erkrankten Deutschen hatten ganz klar eine andere Entscheidung getroffen: Die folgten der Drohmedizin.


Frohmedizin bedeutet leider Eigenverantwortung. Eigener Einsatz. Man muss sich weiterbilden. Man müsste sich wirklich mit dem Nobelpreis 2018 auseinandersetzen. Verstehen, worum es hier geht.


Frohmedizin heißt tätig werden. Tun. Und das tut manchmal weh. Einverstanden.


Nach dieser etwas nebulösen Einleitung (viele verstehen mich inzwischen) kommen wir zum heutigen Fall. Lassen wir doch den jungen Mann selbst sprechen:


„Knie-Probleme: Ich habe eine Patelladysplasie (Was ist denn das?) und die Kniescheibe liegt nur an einer sehr kleinen Fläche auf. Mit 14 hatte ich schon Arthrose und war deswegen vom Schulsport befreit.


Die schlechteste Prognose war, dass ich meinen 18. Geburtstag im Rollstuhl verbringen werde.“


Das ist Drohmedizin pur. Vorsicht, Vorsicht: Das ist eine korrekte Prognose, wenn man das Röntgenbild/Kernspin betrachtet und vom Normalpatienten ausgeht: Der setzt sich jetzt hin und resigniert. Dass ein Mensch eine solche ungemütliche Vorschau (mit 18 im Rollstuhl) einfach nicht akzeptieren möchte, aufschreit und aufwacht... Das ist in der Drohmedizin nicht vorgesehen. Deshalb kann die mit dem jetzt folgenden nichts anfangen. Das mail geht weiter:


„Aktuell laufe ich recht zuverlässig (das heißt schmerzfrei/entzündungsfrei) 30 bis 40 km pro Woche, Tendenz steigend! Letztes Jahr bin ich einen „einfach-mal-so“-Marathon gelaufen, zwar in schlechten 3:23 h. Spaß hat es dennoch gemacht. Ohne Sie wäre ich den nicht gelaufen! Danke dafür.“


Ja, Moment. Da fehlt etwas. Ein „Rollstuhl-Befund“ war doch unstreitig. Weshalb läuft er jetzt einen erstaunlich schnellen Marathon? Die Erklärung ist recht witzig.


„Von klein auf habe ich Knieprobleme und bin deswegen viel Fahrrad gefahren. Vor 5 Jahren kam ich über einen „einfach-mal-so“-Triathlon zum Laufen. Auf Grund der Knieprobleme konnte ich nie so viel laufen, wie ich wollte und schaffte mir deshalb einen TRETROLLER an.


Erst so einen ganz kleinen für 5 Euro auf dem Flohmarkt, vor 3 Jahren dann einen großen mit 20“/16“-Laufrad. Meine längste Tour mit dem kleinen waren 70 km, mit dem großen 185 km (kurz nachdenken!). Im Schnitt fahre ich dabei 18 -20 km/h.


Die Bewegung auf dem Tretroller kommt dem Joggen sehr nahe (viel näher als Radfahren) und belastet die Knie kaum. So gelang mir auch ein Halbmarathon mit durchschnittlich 10 km joggen pro Woche (Training) in knapp 1:30 h.


Körperlich gefordert wird abgesehen von der Beinmuskulatur der untere Rücken. Rückenprobleme kenne ich nicht mehr.“



Mitbekommen? Der hat mir auf meine Roller-Anfrage (News vom 01.10.2019) geantwortet. Und hat vielen von uns eine sanfte Ohrfeige verpasst:


„Bewegung ist Leben.“ Oder
„Nicht-Bewegung heißt Rollstuhl.“ Oder
„Frohmedizin schlägt Drohmedizin.“ Oder
„Ist Orthopädie eine Wissenschaft?“


Sie dürfen diese Liste gerne fortsetzen. Noch einmal: Das Fachgebiet Orthopädie hat Recht mit seinen Warnungen und Prognosen. Die auch mich in den Rollstuhl verbannt hatten, damals mit 19 Jahren.


In dem Fach kommt Eigenverantwortung, kommt tägliche Bewegung trotz Schmerzen einfach nicht vor. Heißt übersetzt: Selbstheilung. Jeder Körper ist zur Selbstheilung fähig. Man muss es ihm nur vermitteln.


Klingt alles so kompliziert: Epigenetik. Das Abschalten von Krebsgenen oder Bluthochdruckgenen oder Diabetesgenen. Wie soll das gehen? Mit einen Schraubenschlüssel oder mit Inbus? Dass dahinter so banale Life-Style-Änderungen wie „täglich laufen“ oder wie „no carb“ stecken, ist einem Genetiker schwer zu vermitteln. Die glauben nun einmal nur noch an das Komplizierte.


Das Leben ist einfach. Jedes Reh macht es Ihnen vor. Wann endlich wollen Sie mich verstehen?

 
 

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