Schlaue Pillen machen dumm

11.08.2014
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Verträge sind dazu da, gebrochen zu werden. Wenn irgendeine Person, irgendeine Institution mit mir einen Vertrag machen möchte… weiß ich: Betrug. Schon einprogrammiert. Das Leben funktioniert einzig und allein auf der Basis von Vertrauen. Und ob ich oder Sie jemandem vertrauen können… sagt Ihnen der gesunde Menschenverstand. Ihr Gefühl. Eine wesentliche Erkenntnis.

Einen Rest von gesundem Menschenverstand glaube ich mir bewahrt zu haben. Darauf fußt meine Medizin, wie Sie sie ja durch diese News gelernt haben: Und so komme ich zum Thema. Ritalin. Die Pille für den Zappelphilipp. Gegen das ADHS. Mehrfach durften Sie darüber lesen.

Ich bin nicht grundsätzlich gegen Pillen. Aber begründet gegen die meisten, so gegen Ritalin. Freilich, kann auch ich, wie wohl jeder ältere Arzt, mich einfühlen. Nicht nur in den Patienten selbst, sondern auch in seine Situation. Will sagen: Ich verstehe Eltern, die ihrem Kind Ritalin geben. Aus Notwehr. Nur: Selbstredend kann ich fast alle Probleme dieser Welt „lösen“ mit Heroin. Mit Kokain. Mit Drogen. Wo ist hier der Witz?

Keine Kunst! Auch ich sinne gelegentlich drüber nach, weshalb ich von 19 Ironman-Wettkämpfen nur zwei gewinnen konnte. Und 17 „verloren“ habe. Mit einer Prise Kokain dagegen…Ich wette! Schließlich habe ich  Sieger auf der Ziellinie gesehen: nicht wie ich, wie eine 100-jährige Schildkröte nach dem zweiten Schlaganfall, sondern federnd, hüpfend, schreiend, ja tobend… das nenne ich Kokain, Amphetamin, Doping.

Und genau das ist Ritalin. Selbstverständlich können Sie Ihr Kind drogenabhängig machen und damit in den Griff bekommen. Keine Kunst. Nur… dürfen Sie sich dann nicht beschweren, liebe Eltern. Ein bisschen später. Wie ich darauf komme?

Auch die übrige Welt wacht ja langsam auf. Und macht sich Gedanken über die Handlungen von uns Ärzten, besonders den Psychiatern. Nicht vergessen: Ritalin bekommt die Mutter nicht einfach so in die Hand. Das wird verschrieben. Verantwortlich ist der Arzt.

Jetzt genießen in den USA bereits 10 000 Kleinkinder dieses Amphetamin, obwohl sie jünger als vier Jahre sind. Und neuerdings schlucken auch ältere die Pillen: Jeder fünfte befragte Student gibt zu, Ritalin als „smart drug“ einzuwerfen, um besser lernen zu können. 

Dass Amphetamine den Appetit verderben, viele der Kinder auffällig dünn werden… nun gut. Dass Blutdruck und Puls ansteigen… nun gut. Neu jetzt die Warnung von US-Neurowissenschaftlern. Ritalin kann das Verhalten der Kinder dauerhaft verändern. Die Betonung liegt auf dauerhaft.

Es würde die geistige Beweglichkeit abgebaut, auf andere Menschen oder neue Situationen einzugehen. Heißt: Empathie, der wichtigste Begriff im menschlichen Zusammenleben, wird nachhaltig geschädigt oder unterdrückt. Ja du meine Güte: Wussten wir doch längst. Wir lesen und sehen doch, wie sich Amphetamin-Abhängige (Speed, Extasy) benehmen. 

Mir unvergesslich: Im zweiten Weltkrieg wurden endlos lange Güterzüge, bis zur letzten Ritze vollgefüllt mit Medikamentenschachteln, nämlich Pervitin, dem klassischen Amphetamin, an die Ostfront gerollt. Nach Stalingrad. Millionen und Aber-Millionen von Aufputschtabletten. 

Und wie haben wir, also unsere Väter und Großväter, uns damals benommen?

Ritalin. Nix dazugelernt.

Quelle: Spiegel 22/2014, S. 103. Jörg Blech. Ein Kluger.

 
 
 

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