Sport ohne Kohlenhydrate?

30.11.2016
 

Mir undenkbar. Mir als Praktiker. Aber auch theoretisch undenkbar, wenn es um Hochleistungssport geht. Um anaerobe Zustände.

Und dennoch, dennoch… ist mein fester Gaube ins Wanken gekommen. Durch meine kleine Frau. Ich hatte ja in den vergangenen Wochen von ihren sportlichen Leistungen geschwärmt. Nicht ohne Absicht, wie Sie sich denken können.

Erinnern wir uns: Sportler brauchen Nudelpartys. Leben von Kohlenhydraten. Lange Zeit unangefochtene Lehrmeinung. Und das stimmt ja wohl auch für den 100 m Läufer, für den Sprinter. Gilt auch immer noch in der üblichen Sportmedizin wie in Ulm.

Nur im Ausdauersport hat sich etwas geändert. Da einigt man sich so ganz langsam – langer Rede kurzer Sinn – auf die Zweiteilung

  • Train Low carb
  • Compete high carb

Also Training ohne oder fast ohne Kohlenhydrate, Wettkampf dann so richtig reinhauen. So der moderne Marathon-Läufer, so der moderne Triathlet (Frodeno).

Wenn das nur schon rein rechnerisch nicht so völlig daneben läge: Frodeno, ein Ultratriathlet, kann auf der Strecke gar nicht so viel Kohlenhydrate nachtanken, wie er tatsächlich verbraucht. Kann man leicht ausrechnen. Ja… was dann?

Dann kommt eben meine kleine Frau. Von der ich in den vergangenen Monaten erwartet hatte, dass sie vom Rad fällt. Im Unterzucker. Im Hungerast. Weil sie ganz eindeutig monatelang null (soweit möglich) Kohlenhydrate nachtankte, aber genauso eindeutig am Berg bei 10% Steigung anaerob wurde.

Das hat nicht zusammengepasst. Und hier kamen mir zwei Entdeckungen zu Hilfe, die ich Ihnen ja in News geschildert habe.

  • Ein no-carb-trainierter Ausdauerathlet verbrennt Zucker – besonders wenn er ihn sich zuführt – sehr viel langsamer als der kohlenhydrat-gewohnte Athlet.

Er kommt also mit Minimengen sehr viel länger aus. Das war das Neue. Er kann so seinen Endspurt planen mit ein paar Schluck Cola zur rechten Zeit.

  • Und dann die Schlittenhunde. Laut „Lehrbuch der Biochemie“ von Voet dem Menschen

gleichzusetzen (Kap. 22). Schlittenhunde haben sich auch unter Ausdauerbelastung, die über mehrere Tage ging, ihre Glykogenvorräte in den Muskeln wieder aufgefüllt. So, als ob sie reichlich Kohlenhydrate äßen. Was sie nicht taten.

Das war´s. Das war die eigentliche Entdeckung. Meine kleine Frau hat also sehr wohl Glykogenvorräte in der Muskulatur. Obwohl sie praktisch null Kohlenhydrate isst. Passte wieder zu meinem Weltbild: Siehe erster Satz.

Und wo kommen diese geheimnisvollen Kohlenhydrate, die doch nicht oder fast nicht gegessen werden, her? Antwort: Es geht nichts verloren in der Natur. Die Lösung bietet der Cori-Zyklus. Verdanke ich einem Forumsbeitrag. Darf ich zitieren?

„Das Leber-ATP (also Energie) wird zur Neusynthese von Glukose aus Laktat verwendet, das im Muskel erzeugt wurde. Die neusynthetisierte Glukose gelangt wieder in den Muskel, wo sie als Glykogen gespeichert oder sofort wieder zur Erzeugung von ATP (also Energie) für die Muskelkontraktion abgebaut werden kann.“

Wer´s verstanden hat, hat sich verstanden. Beim Hochleistungssport. Auch praktisch ohne Kohlenhydrate. Der Engpass bei diesem Zyklus, bei dem Zucker immer wieder neu auf- und eingebaut wird, der Engpass heißt

Sauerstoff

Sie brauchen dafür Sauerstoffüberschuss. Sie müssten also im 10 Stunden-Wettkampf immer mal wieder eine halbe Stunde unterhalb der Schwelle laufen, ein bisschen Luft schnappen und könnten in dieser Zeit wieder Zucker in den Muskel einbauen und dann… wieder Gas geben. So hab ich das verstanden.

Ich Naivling hatte mir immer gedacht, verbrannt ist verbrannt. Was ich an Kohlenhydraten bei hoher Geschwindigkeit verbraucht habe, sei weg. Von einem körpereigenen Zuckeraufbau hätte ich höchstens geträumt.

Ist der Körper nicht ein herrliches Instrument? Sollten wir nicht gemeinsam uns bemühen, ein bisschen mehr Respekt für ihn aufzubringen? Ist es in Wahrheit nicht ein Wunder, dass wir es trotz Ironman Hawaii nicht schaffen, ihn kaputt zu kriegen? Doch, eigentlich schon.

 
 

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