Telomere sind ungeeignet. Eine Kritik.

04.06.2017
 

Zitat: „Die Länge der Telomere ist als biologisches Zifferblatt nicht geeignet“. Meint der Diplom-Biologe Dr. Ulrich Bahnsen, seit 2001 Redakteur in DIE ZEIT. Mehrfach für seine journalistische Arbeit ausgezeichnet. Hat soeben (2017) das Buch „Das Leben lesen“ herausgebracht. Beschäftigt sich mit den Genen. Und darin übt er auf einer Seite Kritik an den Vorstellungen von Frau Professor Blackburn, der Nobelpreisträgerin, die da meint, an der Länge der Telomere könne man

  • das biologische Alter
  • das Risiko für Alterskrankheiten

eines Menschen abschätzen. Niedergelegt in ihrem Buch „The telomere effect“. Weil man an dieser Kritik etwas lernen kann, lernen über Medizin genauso wie über den unsäglichen deutschen Journalismus, möchte ich Ihnen die vier Kritikpunkte des Herrn Diplom-Biologen mit Kommentar aufzählen.

Er meint zunächst, es sei Ernüchterung eingekehrt. Die Telomere bieten eben nur ein Maß für die Zahl der Teilungen, die eine Zelle absolviert hat. Leider sei dies ein erbärmlich schlechtes Chronometer für den Lauf unserer biologischen Zeit. Meint er. Das hätte vier Gründe:

  • In manchen Geweben teilen sich Zellen schnell, in anderen fast gar nicht.

Ja und? Manche Zellen im menschlichen Körper erneuern sich sehr rasch, andere erst nach vielen Jahren. Zellen sind bekanntlich unterschiedlich. Was soll das? Deswegen hat die Wissenschaftsgemeinde sich darauf verständigt, Telomere als festen Standard in den weißen Blutkörperchen zu bestimmen. Eine einheitliche Methode weltweit. Argument abgeschmettert.

  • Unser Körper verlängert die Telomere der Chromosomen zuweilen auch wieder, altert aber trotzdem.

Genau das ist ja die Sensation: Telomere können verlängert werden. Zum Beispiel durch Sport. Sensationell. Hält also diese Zellen länger am Leben, länger gesund. Was soll dann heißen „altert aber trotzdem“? In dem Moment jedenfalls nicht. Später vielleicht. Wieder einverstanden. Und auf tausend Jahre gesehen, sicherlich. Unverständlicher Einwand.

  • Dazu kommt, dass die Telomere sich von Mensch zu Mensch deutlich in ihrer Länge unterscheiden.

Ja, du meine Güte. Lächerlicher geht es wohl nicht. Der Lifestyle unterscheidet sich nun einmal von Mensch zu Mensch. Das ist ja gerade die große Hoffnung von forever young. Wir können durch genetisch korrektes Leben uns ganz sicherlich von Rauchern, Alkoholikern und Diabetikern unterscheiden. Genau deshalb laufen wir ja auch, oder? Damit wir uns unterscheiden.

  • Kurze Telomere sind zwar mit einer Reihe von Alterskrankheiten verbunden, lange Telomere dagegen mit einem erhöhten Krebsrisiko.

Jetzt wird’s kriminell. Glatt falsch. Lange Telomere haben ein eindeutig kleineres Krebsrisiko. In Studien längst erwiesen (News 03.06.2017). Was der Herr Diplom-Biologe hier meint, ist etwas völlig anderes. Es gibt Krebszellen, die unsterblich werden. Deren Telomere sich trotz Zellteilung nicht verkürzen. Wir wissen ja von Krebszell-Kulturen, die seit Jahrzehnten vor sich hin leben. Unsterbliche Zellen.

Zur Sicherheit noch einmal: Verkürzen sich die Telomere, steigt das Krebsrisiko. Hält man die Telomere länger (durch Sport, gesundes Essen) sinkt das Krebsrisiko. Erwiesen. Ist eine Zelle aber bereits maligne entartet, dann versucht sie, ewig zu leben. Dann versucht sie, ihre Telomere lang zu erhalten.

Für diese Art von Journalismus gibt es ja heute den Fachbegriff „Fake-News“. Seit der US-Wahl vielen Millionen Menschen erstmals ins Bewusstsein gerückt worden. So weist der amerikanische Präsident ja unablässig auf die auf diesem Gebiet führende „New York Times“ hin. Soeben wieder im Spiegel abgedruckt, wie diese Zeitung 24 Stunden vor der Wahl dem neuen Präsidenten gerade mal 15% Chance eingeräumt hat. Solider Journalismus.

Dabei gar nicht mal so schlecht: Wallstreet-Journal nur 14%. Huffington Post nur 2% Chance am Tag vor der Wahl. Wie aus 2% plötzlich 100% werden können… entschuldigt hat sich keiner von denen. So macht man Meinung.

Und so wird das Neue, wundervolle Maß für Jugend, die Telomere per Fake-News madig gemacht. Blackburn jedenfalls hat einen Nobelpreis. Herr Dr. Bahnsen wohl noch nicht.

 
 

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