Und Nummer 4?

08.05.2013
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Die "Vitaminlüge" des Spiegels beruft sich nicht auf ein paar Hundert aussagekräftige Studien, sondern auf genau 4. Die ich inzwischen begründet Schrottstudien nenne. Und die ich all überall im Internet, in der Presse wieder finde. Zitiert werden, wenn es um die Schädlichkeit von Vitaminen geht, immer gerade diese vier Studien.

Die ersten drei Studien hatte ich Ihnen ausführlich beschrieben. Beginnt mit den zwei "Betacarotin macht Lungenkrebs beim Raucher" von 1994 und 1996. Die selbst die Studienleitung (National Cancer Institute) inzwischen kritisiert, und sagt: Heute würde sie diese Studien nicht mehr machen. Weil das Ergebnis von vorneherein zu erwarten war. Ergebnis? Schauderliche 1 Promille mehr Lungenkrebs beim Raucher. Vergessen wird zu sagen: Und beim Nichtraucher selbstverständlich weniger Lungenkrebs. Betacarotin schützt den normalen Menschen. Nirgendwo abgedruckt.

Die dritte Studie nannte sich SELECT. Handelt von der geisterhaften Fernwirkung. Von der sensationellen Feststellung, dass eine Krebsrate (um 0,41% absolut) ansteigt dann, wenn die Leute 2 Jahre kein Vitamin E mehr schlucken. Eine sensationelle Entdeckung: Da muss man dringend jedem Raucher raten, bitte nicht mit dem Rauchen aufzuhören. Denn zwei Jahre später würde er dann Krebs bekommen. Da muss man dringend jedem Alkoholiker raten, doch bitte nicht mit dem Trinken aufzuhören. Denn zwei Jahre später würde er dann krank werden. Und das veröffentlicht der Spiegel!

Viel hübscher, spannender, unterhaltsamer aber die vierte Studie. Vitamine töten. Schon 2007 im deutschen Fernsehen breit aufgemacht, 2010 mehrfach wiederholt. Sensationelle Story! Darf ich?

Gluud sammelte in JAMA 2007,297(8) zehntausende Vitaminstudien, aus welchen er 815 gute auswählte. Diese 815 Studien teilten die Forscher dann in "methodisch gute" und "methodisch weniger gute" Studien auf, wobei die Kriterien von den Autoren selbst stammen. Tja. Jedenfalls blieben 68 Studien übrig. An diesen 68 wurde die Mortalitätsrate, also der Todesfall untersucht, obwohl sich nur 21 dieser Studien überhaupt mit dieser Fragestellung befasste.

Einige Studien arbeiten mit lächerlichen Fallzahlen (15 bis 25 Patienten). Ich wusste bisher nicht, dass man das als Studie veröffentlichen darf.

Die Studien verraten in einem Todesfall nicht, woran der Teilnehmer verstorben ist. Beim Autounfall?

Eingeschlossen wurden sogar Studien, in welchen Vitamine nur einen einzigen Tag gegeben wurde. Nenne ich Verhöhnung der Wissenschaft.

Aber selbst dann ergaben die 68 Studien nichts. Erst als man 21 dieser 68 Studien verwarf (in diesen 21 fand man nämlich eine Verlängerung des Lebens durch Vitamine) konnte man bei dem Rest ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko für Vitamin A (16%), Betacarotin (7%), Vitamin E (4%), Vitamin C (6%) errechnen. Selen andererseits verringerte das Sterblichkeitsrisiko um 10%, verlängerte also das Leben. Davon im Spiegel was gelesen?

Fazit: Das Ganze war dermaßen lächerlich, dass diese Metaanalyse in der Fachpresse höflich ignoriert wurde. Nicht vom deutschen Fernsehen. Aber weiter geht's:

2008 veröffentlichten die gleichen Autoren diese Metaanalyse (Cochrane Database Syst Rev. 2008 Apr 16;(2) fast identisch ein zweites Mal. Auf diese neue Studie beruft sich der Spiegel. Diesmal wurden rund 232.000 Patienten aus 67 Studien eingeschlossen. Mal kräftig mitlachen?

  • Die verabreichten Vitamindosen schwankten. Zwischen gar nichts und extrem viel. Also zwischen 1,2 und 50 mg für Betacarotin. Für 1300 und 200.000 I.E. für Vitamin A, schwankten zwischen 60 mg (bitte noch einmal: 60 mg!) und 2000 mg für Vitamin C, schwankten zwischen 10 und 5000 I.E. für Vitamin E (mir unbegreiflich) sowie zwischen 20 und 200 ug für Selen (die DGE empfiehlt 200). Alles einfach zusammengewürfelt. Natürlich in keinster Weise miteinander vergleichbar.
  • Weiter geht's: Die Untersuchungszeit schwankte zwischen 28 Tagen und 14,1 Jahren. Alles in einen Topf. Die mittlere Behandlungsdauer war 2,7 Jahre. Kein Mensch würde behaupten, dass Sie mit einem Vitamin innerhalb von 28 Tagen einen Menschen töten können. Doch: Die wagen das.
  • Und wieder wurden 90% der ursprünglich ausgewählten Studien willkürlich aussortiert. Und zwar "unverblindet" ausgeschlossen, d.h., die kannten die Ergebnisse der jeweiligen Studie vorher, und haben dann ausgeschlossen. Wie nennt man das?
  • Und dann kommt der Spiegel. Die genauen Ergebnisse werden überhaupt nicht aufgeführt. Ist Ihnen das aufgefallen? Wundert mich nicht: Die für Vitamin A errechnete größte Risikoerhöhung liegt gerade mal bei 6%, für die Gesamtgruppe der Antioxidantien bei 2-4%. Nur! Denn wissen muss man, was für eine Metanalyse gilt:
  • In der Fachwelt geht man davon aus, dass Risikoerhöhungen, die aus publizierten Daten (also nachträglich, also als Metaanalyse) abgeleitet werden, erst ab 50% überhaupt aussagekräftig werden.

In der Fachpresse ist diese Studie durchgefallen. Nicht für den Spiegel! Sicher nicht für den SPD-Gesundheitsexperten Prof. Dr. Lauterbach. Und natürlich nicht für das Deutsche Fernsehen. Sie, liebe Leser, haben mir ja immer wieder aufgeregt geschrieben: "Wussten Sie, Dr. Strunz, dass Vitamine töten? War gestern im Fernsehen".

Kommt mir alles vor wie die Kriegsberichterstattung im Irak. Haben Sie da je einen einzigen wahren Satz gehört?

Spiegeljournalisten, so hört man, recherchieren gründlich. Wägen objektiv ab. Nehmen wir also einfach an, dass sie beim Verfassen der "Vitaminlüge" einen schlechten Tag gehabt hatten. Ausnahmsweise...

 
 
 

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