Vernetztes Denken

13.06.2014
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Soeben längere Plauderei mit einem Museums-Direktor. Sein Wissen, seine universale Weltsicht, seine gekonnte Verknüpfung verschiedenster Kulturbegriffe hat mich beeindruckt. Bezeichnend, dass solch ein Mensch in Talkshows nie auftritt. Im heutigen Fernsehen unsichtbar ist. Dass solche Menschen sich allenfalls in kaum gekauften Büchern äußern. Frage: Was machen die anders? Weshalb wissen die so bewundernswert viel?
Erklärt mir mein Lieblings-Ingenieur. Den kennen Sie ja langsam. Der verdeutlicht mir das beeindruckende Gedächtnis dieses Museums-Direktors mit dem Begriff vernetztes Denken. Das klingt dann so:

"Eine hervorragende Methode, Informationen einzuordnen und zu speichern ist das vernetze Denken. Einer der ersten Protagonisten des vernetzten Denkens war der leider viel zu früh verstorbene Frederic Vester. Er unterscheidet sich darin von den linearen Denkern, die allem eine eingleisige Ursache/Wirkungs-Abhängigkeit zuordnen wollen. Die Lineardenker sind leider mit gefühlten 99% in der Überzahl. Wer aber viele Kristallisationskerne sein eigen nennt, und diese im Laufe der Zeit immer mehr anwachsen, kann gar nicht umhin, Zusammenhänge zu erkennen. Die Vernetzung ergibt sich automatisch. Grafisch aufbereitet könnte das Anwachsen und Vernetzen folgendermaßen aussehen.

Das hellblaue Gebiet solle den gescannten Informationsraum darstellen. Die dunkleren Felder sind Gebiete gesteigerten Interesses. Links sieht man wenig Interessensgebiet und keine Vernetzung. Rechts erkennt man vielseitige Interessen und geradezu zwangsläufig eine starke Vernetzung. Menschen mit eingeschränktem Horizont können einem überall begegnen, auch im Beruf. Man spricht dann von Fachidioten. Im rechten Bild wird auch deutlich, warum der Begriff Querdenker ebenso eindimensional und falsch ist wie der des „Linear- und Längsdenkers“. Geringfügig besser wäre die Bezeichnung "Kreuz und Querdenker". Aber auch er beschreibt die Komplexität, die Struktur und die Vielseitigkeit des vernetzten Denkens nur höchst unvollkommen.

Eine ähnliche Sichtweise äußert Steven Johnson in seinem Buch "Wo gute Ideen herkommen. Eine kurze Geschichte der Innovationen". Er behauptet, dass innovatives Denken nicht (nur) das Schauen über den Tellerrand bedeutet, sondern das Naschen aus vielen verschiedenen Tellern.

Man braucht sich nicht zu wundern, wenn im Alter das Denken vieler Menschen fast ausschließlich um Krankheit kreist. Es mangelt an Interessensgebieten, denn sie verfügen nur über einen einzigen Teller, über dessen Rand sie nicht hinwegsehen. Der große dunkelblaue Fleck im Bild könnte so eine überschaubare Gehirn-Landschaft darstellen. Da wird auch klar, was Gurdjieff sinngemäß behauptete, dass die meisten Menschen gar nicht geheilt werden wollen, sondern sich förmlich an ihre Krankheit klammern. Weil sie sonst nichts haben?

Stimmt. Weil Sie sonst nichts haben. Drum war mein Lieblingsort lange Zeit der Club La Santa auf Lanzarote. Bevölkert fast ausschließlich von jungen Leistungssportlern. Schwellende Muskeln, blitzende Augen. Dazwischen ich als verknitterter Grufti. Aber unter meinesgleichen halte ich’s einfach nicht aus. Siehe oben.

 
 
 

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