Vom globalen Wissenspool abgeschnitten

12.01.2009
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Wirklich reiche Menschen, also Fußballspieler, lassen sich in aller Regel im Ausland operieren und therapieren. Weshalb eigentlich? Wir haben doch in Deutschland eines der besten Medizinsysteme der Welt. Glauben Sie.

Da gibt es die Cochrane Library. Die gegenwärtig mit Abstand umfangreichste internationale Datenbank mit Informationen zur Wirksamkeit von Interventionen, also von genau den Studien, die uns am meisten interessieren: in denen versucht wird, Krankheiten rechtzeitig zu verhindern. In dieser Datenbank finden wir systematische Bewertungen, basierend auf 50.000 vergleichenden Studien, die wiederum auf Grund Ihrer Qualität aus 120.000 für die jeweilige Frage (z.B. „helfen Vitamine?) relevanten Studien ausgewählt wurden.

Was uns interessiert: der deutsche Betrag dazu liegt um den Faktor 10 unter dem der führenden Länder.

Alle wesentlichen Studien dieser Welt werden in Zeitschriften mit möglichst hohem wissenschaftlichen Standard veröffentlicht. Diese Zeitschriften sind ausnahmslos englisch. Aus diesen Zeitschriften wird 50 mal häufiger zitiert, verglichen mit deutschen Zeitschriften.

Und nachdem – so Professor Antes – 80% der deutschen Ärzteschaft nichts in englischer Sprache lesen, sind wir hier in Deutschland in der Medizin zwangsläufig „vom globalen Wissenspool abgeschnitten.“

Auch „bei den deutschen politischen Instanzen und Organisationen“ ist eine „erstaunliche Ignoranz und ein weit verbreitetes Desinteresse ... festzustellen“

Resultat: „ Deutschland spielt auf dem Marsch in die globale Wissens- und Informationsgesellschaft in der Medizin nur eine Nebenrolle oder taucht an vielen Stellen überhaupt nicht auf“.

Beispiel: soeben hat ein deutscher Wissenschaftler den Nobelpreis für die Entdeckung des Virus verantwortlich für Gebährmutterhalskrebs bekommen. Die zugehörige zentrale Studie hat über 12.000 Frauen in 90 Zentren in 30 Ländern verglichen. Deutschland war nicht dabei.

Das Thema liegt mir zunehmend am Herzen. Zum einen, weil auch Sie ja einmal auf ein Krankenhaus und dort natürlich auf möglichst moderne Behandlung angewiesen sein werden. Und zum zweiten, weil ich all das in seiner schlimmsten Form persönlich erlebt habe. Nach sieben Operationen. Und bald weiteren zwei. Meine persönlichen Erlebnisse hätte ich niemals für möglich gehalten.

PS: Der mehrfach genannte Professor G.Antes ist langjähriger Direktor des deutschen Cochrane Zentrums in Freiburg ... und muss es ja wissen.