Vom Glück der Dissoziation

21.08.2016
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Glücklich der Migräne-Patient, dem es gelingt, nicht im Schmerz zu versinken. In das schwarze Loch er Verzweiflung zu fallen. Körper und Geist nur noch als Nebel im Schmerz zu verstehen. Jeder Migräne-Patient weiß, wovon ich spreche.

Sondern dem es gelingt, zu sagen: „Mein Kopf tut mir weh“. Schon dieser Satz, diese Formulierung trägt die Rettung, trägt die Lösung in sich. Hatte ich Ihnen vor vielen Jahren schon einmal erzählt: Hier ist der Kopf, da bin ich. Hier ist der Schmerz, da bin ich. Zwei verschiedene Sachen. Oder anders formuliert:

  • „Du, Kopf, darfst ruhig wehtun“.
  • „Nur lasst mich bitte in Frieden“.

Nennt man Dissoziation. Trennung. Sie lösen sich vom Schmerz. Sie erheben sich über ihn. Sie gucken auf ihn herunter. „Ach, du armer Kopf!“ Wie tust du dir weh. Sie geben sich damit die Möglichkeit, selbst keinen Schmerz zu haben. Sich über den Schmerz zu erheben.

Wenn Sie sich jetzt noch mit sich selbst – also gerade nicht mit der Migräne – beschäftigen, erfahren Sie die Gnade der Ablenkung. An jedem Kind, dass sich verletzt hat, so wunderschön zu studieren.

    Gerade weint es noch. Die Wunde blutet. Schmerzt eindeutig. Sie lenken das Kind ab. Mit einer Puppe. Mit einem Geschenk. Mit einem Eis. Und das Kind konzentriert sich jetzt auf das Glück des Eises. Und vergisst den Schmerz. Kinder beherrschen diese Technik in genialer Weise.

Verstanden? Reine Übungssache.

Bringt mich zu den anstrengenden Sportwochen derzeit. Sie wissen schon: der Triathlon von Roth naht. Ich hatte Ihnen von meinen täglichen kindischen Radrennen, von dem Auftrumpfen erzählt: Hochleistungs-Triathleten auf der Radstrecke, ihnen auflauern, und sie dann mit dem Mountainbike hochaufgerichtet… zu überholen.

Jetzt wissen Sie, weshalb Juni und Juli für mich eine sehr anstrengende Zeit bedeutet. Übersetzt: Schmerzende Beine. Leere Muskeln. Stundenlange höchste Anstrengung. Wie man das auf die Dauer, über viele Wochen überlebt?

Mit Dissoziation.

Gleiche Technik. Selbstverständlich in jedem Wettkampf angewandt. Bei jedem Ironman auf Hawaii, in der Lavawüste hatten meine Beine den Befehl verstanden: Arbeiten. Strampeln. Kreisen. Mit voller Kraft. Unaufhörlich. 5 bis 6 Stunden. Nie auch nur eine Sekunde Pause. Während mein Kopf, mein Körper, gelitten hat. Dass tut wirklich weh. Man bekommt keine Luft. Schnauft mit höchster Frequenz. Der ganze Körper windet sich. Quält sich.

Wenn man jetzt nur einen einzigen Moment den Fehler macht, diese ständige Qual, diese Luftnot, diese Schmerzen in der Lunge… zu beziehen! ... auf die kurbelnden Beine, hat man verloren. Dann hört man nämlich das Treten, das Kurbeln auf. Weil dadurch und damit auch der Schmerz schwindet.

Dissoziation: Hier treten die Beine. Befehlsgemäß. Im Unterbewusstsein verankertes Kommando. Und da oben bin ich und leide. Genieße mein Leid, um ehrlich zu sein. Hab aber – offensichtlich – nie den Fehler gemacht, das Leid auf die strampelnden Beine zu beziehen.

Besonders eindrucksvoll bei meinem ersten Ironman auf Hawaii. Ich hatte die Strecke nach vorne, in die Lavawüste erkundet. Aber nicht die 5 km nach hinten, zum Ende hin, zur Radabgabe. Und prompt ist es passiert:

  • 2 km vor dem Ziel, höchste Schmerzstufe, Tunnelblick, Hörverlust, taucht sie in meinem beschränkten Blickfeld vor mir auf: DIE WAND. Ich wusste nicht, dass da eine kleine knackige Steigung auf uns wartete. Perspektivisch verkürzt: Eine unüberwindbare Wand.

    Pure Verzweiflung. Ich erinnere mich ganz genau. Pack ich nicht. Geht nicht. Was soll das? Wie kommen die andern da hoch? Zum Glück aber voll programmiert in der Dissoziation: Die Beine wussten nichts von meiner Verzweiflung. Die Beine haben stur und automatisch weitergekurbelt, haben weiter gestrampelt, haben geschuftet und geächzt. Haben ihr Werk getan. Und mich schlussendlich nach oben getragen.

Noch heute wundere ich mich über dieses Wunder. Mir noch heute nicht fassbar. Sehen Sie: Das nämlich begrenzt uns. Wenn dieses Wissen „das schaffe ich nicht“ uns selbst ganz erfüllt. Wenn wir nicht dissoziieren können.

Wenn wir es nicht gelernt haben, zu delegieren. Zum Beispiel als Migräne-Patient: Du, Kopf, kannst dich ruhig mit diesen grauslichen Schmerzen beschäftigen. Dein Bier. Lass mich in Frieden. Ich will Klavierspielen. Ich will im Garten arbeiten. Ich will mit den Kindern spielen.

Bitte komm mir nicht in die Quere. Heißt übersetzt auch: Pflegen Sie Ihr ICH. Ich hab´s bei allen Wettkämpfen schon vorher eingesperrt. In ein kleines Kästchen aus Halbedelstein. Rein gesteckt und fest verschlossen. Mein ICH war unverwundbar. Mir konnte nie etwas passieren. Hab mich auch so wieder getrennt vom durchaus leidenden Körper.

Dissoziation. Nachdenken. Einfühlen.

 
 
 

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