Was ist Wahrheit?

22.03.2013
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Wie wir alle wissen, eine schwierige Frage. Die sich auch einem Arzt täglich stellt. Wie soll er einen Sachverhalt übersetzen? Was ist für diesen Patienten die für ihn passende Wahrheit? Beispiel gefällig?

Nehmen wir etwas Banales. Übergewicht. Also die gefährlichste, die tief greifendste Erkrankung der heutigen Menschheit. Laut WHO. Mit der jeder Betroffene natürlich irgendwie umgeht. In der Regel durch Verdrängen, durch Abkanzeln von Kritikern oder mit einem fröhlichen "hab ich doch gewusst" dann, wenn sie im deutschen Fernsehen von einem Arzt hören, dass Menschen mit BMI 30 länger leben als Schlanke, also z.B. BMI 21, dem gesicherten Durchschnittswert der Hundertjährigen. Differenz übrigens ca. 27 kg.

Allein schon dieser Satz beweist doch alles.

Jeder Arzt hat einen eigenen Weg, mit der "Wahrheit" umzugehen. Das mit dem "Übergewicht führt zu Krankheit" spreche ich so jedenfalls nicht mehr aus. Im Sprechzimmer. Ich spreche lieber über Leistungsgewicht. Erinnern Sie sich? Donkervoort (News vom 26.04.12). Oder ich spreche davon, dass Sie Ihr VO2Max, also Ihr biologisches Alter dramatisch verbessern können, weil ja VO2Max pro Kilogramm Körpergewicht definiert ist. Gewichtsabnahme macht also jünger. Physiologisch bewiesen.

Da hören Sie mir schon eher zu. Aber natürlich gibt es auch andere Wahrheiten. Möchte ich Ihnen - mit einem hintersinnigen Lächeln - nicht vorenthalten.

Sie kennen die Bestsellerautorin Susanne Fröhlich. Die mit dem Moppel-Ich. Die soeben im Focus 50/2012 wieder mal - verständlich - über den Schlankheitswahn lästert. Aber eben einen Satz sich dann doch nicht verkneifen kann. Ein Satz, der aus ihrem Unterbewusstsein stammen muss. Der verrät, was sie tatsächlich denkt:

"Ab einer gewissen sozialen Höhenlage findet man fast keinen Fetten mehr. Dünn zu sein ist eine Abgrenzung zur Unterschicht. Das hört keiner gern, ist aber so."

Hört, hört. Würde ich nie aussprechen. Aber es kommt ja noch schlimmer. Da gibt es in Berlin eine Psychotherapie-Professorin, die in der FAS am 15.01.2012 formuliert hat:

"Übergewicht etwa ist in starkem Maße ein Problem der sogenannten Unterschicht. Die Mittelschicht dagegen achtet überwiegend auf einen eher schlanken Körper, genau so wie alle, die in der Öffentlichkeit stehen."

Fügt dann hinzu:

"Übergewicht signalisiert in unserer Gesellschaft, dass man seine Triebe nicht unter Kontrolle hat, unflexibel und hässlich ist."

Ich weiß nicht. Das mag ja noch so richtig sein - was ist Wahrheit? - aber so etwas würde ich höchstens denken. Andererseits: Leben ist Motivation. Vielleicht treffen diese Sätze einen von Ihnen so sehr, dass...Sie von Stund an forever young werden? Dann hätte sich's freilich gelohnt.

 
 
 

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