Wenn Muskeln zumachen ...

13.06.2016
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Pokalfinale. Bayern gegen Borussia. Miterlebt? Das wurde zum „Duell der Muskelkrämpfe“.

Ging in die Verlängerung. Und da hatten sie fast alle Probleme. Lagen mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden, weil „die Muskeln zumachten“. Ob nun Hummels, Ribery, Aubameyang, Lewandowski, Reus, … sie alle hatten Probleme, 120 Minuten durchzustehen oder wurden entkräftet ausgewechselt.

Sie können sich denken, was ich dazu denke. Da renn ich 12 Stunden durch die Lavawüste, muss mit dem Rad Hügel hochsputen, habe auch beim Laufen Steigungen zu überwinden (laufen Sie mal einen Berg hoch), strenge also die Muskeln auch an. Aber Muskelkrämpfe? Pustekuchen. Auch nicht nach 12 Stunden.

Was ist hier anders? Schon vor zwei Jahren, im Pokalfinale 2014 machten viele Spieler vor der Verlängerung schlapp. Damals Halle (kennen Sie. Der Professor mit dem Fahrrad): Da fehlt es an der Grundlangenausdauer. Das Training darf ja nicht dazu ausgelegt sein, nur 90 Minuten durchzuhalten.

Wahrscheinlich hat er recht. Kann man Ribery motivieren, ein zwei-Stunden Läufchen zu machen? Öfter mal in der Woche? Das bezweifle ich.

So weit so gut. Und jetzt kommt die Süddeutsche. Sie wissen schon: Dieser Hort der Intelligenz mitten in dem strohdummen München. Die Mauern hochgezogen, ständig auf Abwehr, ständig spöttisch herabschauend auf das Bayernland, herabschauend von höchster Warte. Typische Verteidigungshaltung. Deshalb typisch aggressiv. Lebt von der Häme.

Und schafft es auch diesmal. Wissen Sie, was schuld war an den Muskeln, die „zumachten“? Die falsche Kost. Die Low-Carb–Ernährung durch Tuchel von Borussia. Wörtlich:

    „Mit dieser einseitigen Diät, die keinen gesundheitlichen Nutzen hat, tun sich die Profis aber nichts Gutes“.

„Keinen gesundheitlichen Nutzen“ müssen Sie mal einem Krebspatienten sagen. Oder einem an Diabetes Leidenden.

Tuchel hat eine Gurkentruppe übernommen. Dortmund war ganz am Ende. Ganz unten. Und hat – unter anderem – die Ernährung der Profis verändert. Die wurden plötzlich alle so merkwürdig schlank und rank. Also leichter bei gleichbleibender Kraft und muskulärer Ausstattung. Heißt effizienter. Haben sich hochgearbeitet bis auf Platz 2. Sehr viel mehr kann man ja wohl nicht erwarten.

Jetzt lobt die Süddeutsche – typischerweise – nicht etwa diesen außerordentlichen Fortschritt, diese Verbesserung, die man sehr wohl auf Low-Carb–Diät zurückführen könnte, sondern benutzt diese Kostform, von der die Süddeutsche-Reporter selbstverständlich nichts Genaues wissen können (!), um hämisch „ätsch, bätsch!“ zu sagen.

Das Tüpfelchen auf dem i ist Professor Nieß, Chef der Sportmedizin Uni Tübingen: „Für den Nutzen einer Low-Carb-Diät im Sport gibt es keine seriösen Belege. Bei der eng getakteten intensiven Belastung ist es nicht gut, sich absichtlich in einen kohlenhydratarmen Zustand zu versetzten. Man verbrennt bei Bewegung ja besonders viele Kohlenhydrate und schwächt sich damit nur selbst“.

Nix verstanden.

Nicht verstanden, dass man im untertourigen Training sehr wohl ohne Kohlenhydrate, bei anstrengendem Sport, besonders im Wettkampf selbstverständlich mit Kohlenhydraten arbeitet. Wie das offenbar auch die weltbesten Marathonläufer tun.

Freilich immer das Gleiche: Um hier kompetent mitsprechen zu können, muss man es tun. Selbst tun. Selbst Sport treiben. Dann und nur dann darf man mitreden.

Dann aber: Von Krämpfen geschüttelt waren genauso auch die Bayern-Spieler. Die hatten keinen Low-Carb-Tuchel-Trainer. Tja. Und nun, Herr Professor Nieß???

Die Erklärung für die Krämpfe liefert uns Anna. Die Frau von Lewandowski. Selbst ehemalige Karate-Weltmeisterin. Die ihren Mann, der Lachssuppe bestellt hatte, mit strengem Blick fragt: „Was isst du denn da?“

„Suppe“ sagt er. „Die ist aber sehr schlecht für dich. Da ist Sahne drin“. Lewandowski schüttelt den Kopf: „Nur wenig“.

„Quatsch. Das sehe ich doch von hier, dass die mit Sahne gemacht wurde. Du wirst Krämpfe kriegen, du solltest so etwas nicht essen“, sagt Anna.

Da zieh ich meinen Hut vor Anna. Die weiß irgendetwas. Die hat Zusammenhänge gesehen.

Quelle: SZ.de, 22.5.2016
Spiegel 22/2016, S.113

 
 
 

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