Weshalb gibt es Krankheit?

06.08.2015
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Weil wir uns ihrer bewusst sind. Auch ein Reh mag mal Bronchitis bekommen und Husten. „Weiß“ es aber nicht. Ist nur eine andere Form des Seins, ein anderer Zustand. Aber eben keine Krankheit.

Kann man auch gescheiter formulieren: Dieses so störende Bewusstsein ist nicht einfach „bewusstes Sein“. Das ginge ja noch. Ich bin, und ich weiß, dass ich bin. Punkt. Aber eben: Punkt. So dürfen Sie sich einen meditierenden Mensch vorstellen. Der „ist“ einfach. Das war’s.

Also kennt er keine Krankheit.

Dummerweise ist unser Bewusstsein etwas anderes: Es transzendiert die gegebene Wirklichkeit. Es reißt sich los vom schlichten Sein, es wird frei für „einen Horizont von Möglichkeiten“. Jetzt fängt der Ärger an:

„Das Bewusstsein lässt den Menschen in die Zeit stürzen:

  • In eine Vergangenheit, die ihn bedrängt,
  • in eine Gegenwart, die sich entzieht,
  • in eine Zukunft, die zur Drohkulisse werden kann und Sorge wachruft.

Eine perfekte Beschreibung des Menschen. Und gleichzeitig die Erklärung von Krankheit. Dieses, wenn Sie wollen dämliche Bewusstsein lässt uns sich einbilden, dass die Vergangenheit uns bedrängt.

Das müssen Sie sich einmal verstellen!

Vorbei ist vorbei. Unwiderruflich. Abgeschlossen. Gilt für jedes Tier. Und Sie werden bedrängt! Das Bewusstsein, das dämliche Bewusstsein lässt doch wirklich zu, dass eine Zukunft Sorge in Ihnen wachruft. Stellen Sie sich vor! Zukunft ist nicht existent. Irgendwann einmal. Ist ein Lüftchen im Nichts. Macht aber Ihnen Sorge. Könnte man uns als ver-rückt bezeichnen?

Das dämliche Bewusstsein schafft es, dass wir nicht in der Gegenwart leben. Die „entzieht sich uns“. Glauben Sie, ein Reh schafft das?

In dieser Sekunde, während ich diesen Text diktiere, sehe ich einem Reh zu. Wie es handgeschnitzte Äpfelchen (handgeschnitzt von meiner kleinen Frau) verzehrt. In aller Gemütsruhe. Aus drei Meter Entfernung. Und mich ab und zu anguckt. Durch mich durch guckt, wie Rilke das formulieren würde. Das Reh lebt jetzt. Es ist. Und genießt. Merke ich am Zungenschlecken.

Weshalb wir das nicht können? Weil wir bewusst sind. Noch einmal Zitat: „Der Mensch geht nicht in der Natur auf,  eben gerade nicht. Er ist, wie Nietzsche einmal sagte, das „nicht festgestellte Tier“. Eben gerade nicht. Guck ich mir meine Rehe an, würde ich gerne ein „festgestelltes Tier“ sein. Und einfach leben.

Drum meditieren wir. Träumen wir. Drum laufen wir. Träumen wir. Ein Versuch, unser dämliches Bewusstsein ein kleines bisschen einzuschränken, bis es nur noch „bewusstes Sein“ würde. Hier sein. Im Hier und Jetzt leben.

 

Quelle: R. Safranski: „Das Böse“. Seite 13. Wundervolle Gedanken. Bin ihm auf Schloss Elmau begegnet und seither schwer beeindruckt.

 
 
 

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