Woher kommt die Angst?

05.10.2016
Drucken
 

Weil wir kein Tier mehr sind. „Der Mensch kann sich nicht auf seine Instinkte verlassen, er hat zu viele Optionen“. Schreibt Rüdiger Safranski. “Wo ihn die Natur im Stich lässt, musste er, um überleben zu können, seine Evolution selber in die Hand nehmen“.

Dazu musste der Mensch das Nachdenken erlernen. Und so kam er zu seiner Phantasie. Darin hat er immer schon mal gedanklich auf Probe gehandelt, bevor er dann wirklich gehandelt hat (ist geflogen wie Ikarus, auf dem Mond gelandet wie Jules Verne…).

Das Bewusstsein und die Phantasie haben den Menschen also weit vorangebracht. Genau deshalb haben wir aber auch so viel Angst. Weil beim Menschen „die Phantasie stärker entwickelt ist als die Instinkte, sieht er in der bedrohlichen Außenwelt lauter phantastische Kausalitäten.“

„Phantastische Kausalitäten“ sind nichts anderes als Glaubenssätze. Das Gehirn ist oft vollgepackt mit hinderlichen Glaubenssätzen. Ich begegne ihnen täglich. Meine Patienten präsentieren sie mir ungewollt im Nebensatz. Die meisten dieser Sätze sind gemalt auf dem Hintergrund der Angst. Angst vor Mangel, vor Armut, Angst vor Fehlern, Angst nicht ganz perfekt zu sein, Angst vor Schwierigkeiten.

Dabei ist Angst etwas Irreales, etwas, dass das Leben in der Regel völlig grundlos vergiftet. Angst sieht mit besonderer Schärfe da etwas, wo gar nichts ist – „und übersieht so, was vor Augen liegt.“ Ganz herrlich formuliert von Philosophie- und Rhetorik-Professor Jürgen Werner:

    „Die Angst ist ein Überschuss an Sehkraft angesichts eines Mangels an Sichtbarem.“

Und das wirft uns aus der Zeit. Denn aus Angst wird Sorge. Und wer sich Sorgen macht, der tut erst einmal gar nichts. Er grübelt, kalkuliert, plant – aber bleibt in seiner Starre stecken. Warum das so ist, erklärt Werner so: „Wer sich sorgt, ist gelähmt, obwohl er beschäftigt ist: mit sich und seiner Verzweiflung. Weil sich der Sorgende vor allem um sich selber sorgt, um sich und seine Sorge, kommt er nicht voran.“ Und er wird noch heftiger, der Professor von der Uni Witten/Herdecke:

    „In der Sorge stellt sich der Tod vor, als sei er besonders lebendig.“

Drum meditieren wir. Drum laufen wir. Ein Versuch, unser dämliches, irres, wirres Bewusstsein ein kleines bisschen einzuschränken, damit es endlich nur noch „bewusstes Sein“ sein möge.

Meditation. Genauso wichtig wie Laufen. Selbstverständliches Leben.

Quelle: „Der Schlüssel zur Gesundheit“. Herbst 2016

 
 
 

News Schlagwörter