Zweiunddreißig Mal

07.05.2016
Drucken
 

Erinnern Sie sich noch an den Co-Piloten? An Lubitz? Der 149 mit sich in den Tod riss? Auch Ihnen unvergesslich. Hatte mich am 07.06.2015 zu einer vorsichtigen News veranlasst. Ganz, ganz vorsichtig. Ich versuchte höflich zu bleiben.

Inzwischen haben wir alle mehr erfahren. Haben gelernt, dass Lubitz gelitten hat. Dass Lubitz wusste, dass er krank war. Dass er zunehmend verzweifelte. Und dass er in den letzten drei Monaten vor seinem Tod

zweiunddreißig Mal

um Hilfe gerufen hat. Um Hilfe gebeten hat. Na wen wohl? Selbstverständlich uns Ärzte. Wen denn sonst? Schließlich haben wir die weißen Kittel an, schließlich schmücken wir uns mit Facharzttiteln, schließlich treten wir auf gescheiten Kongressen auf und schreiben tiefsinnige Artikel in Fachzeitschriften. Kurz und gut: Wir suggerieren dem Patienten, wir könnten helfen.

Können wir manchmal nicht.

Hat uns Lubitz erneut vorgeführt. Zweiunddreißig Arzttermine in drei Monaten? Die schlussendlich zum Tode führten, also vergeblich waren. Einen besseren Beweis kann man ja wohl nicht führen.

Dabei litt Lubitz zuletzt in erster Linie an seinen Augen. Augendruck, Schlieren und so weiter. Was tut ein Augenarzt? Er bleibt objektiv. Seine Apparate zeigen nichts an. Also sind Sie gesund. Also bilden Sie sich das nur ein.

Weit verbreitete Vorgehensweise. Nicht besonders fair. Ein Patient „bildet sich nichts ein“. Der hat das. Und wenn ich nichts finde, fehlt mir eben das Wissen. Mir, dem Arzt.

Prompt sprach man von „hypochondrischer Störung“, sprach man von „psychosomatischem Beschwerdekomplex“, sprach man von früherer „Erschöpfungs-Depression“. Sicherlich alles korrekt, nur:

  • Was ist die Aufgabe des Arztes?
  • Kluge lateinische Worte zu produzieren oder
  • zu helfen?

Na, raten Sie mal. In diesem Fall gibt es keine Ausreden. Der Vorfall ist viel zu gut dokumentiert.

Wenn es da nicht Holsboer gäbe. Der mir die Worte aus dem Mund nimmt. Der schon in Focus 16/2015, Seite 28 sagt, ich zitiere:

    „… es wäre schon sehr hilfreich, endlich die Labordiagnostik in die Psychiatrie einzuführen, die Dinge für uns objektiviert und die uns frühzeitig Hinweise geben kann…“

Frühzeitig Hinweise. Genau darum ging es hier. Molekularmedizin. Endlich das Wissen der Medizin auch einmal in den Facharztpraxen, in den Universitätskliniken anzuwenden. Genau darum geht es.

Einmal klipp und klar: Was nützen uns 450.000 deutsche Ärzte, Krankenhäuser, Universitätskliniken, wenn ein Mensch 32 Mal in drei Monaten um Hilfe ruft und er… nicht erhört wird?

P.S.: Nur damit wir uns verstehen: Ich war Teil dieses Systems. War 17 Jahre an der Universität. Dann 21 Jahre niedergelassener Kassenarzt. Ich stand und stehe keinesfalls darüber.

Nur sind wir doch wohl vor ein paar Jährchen aufgewacht, oder? Sie, liebe Leserinnen, liebe Leser wüssten jedenfalls, mit welcher Vorgehensweise man Herrn Lubitz wahrscheinlich hätte helfen können.

Quelle: Focus 10/2016, Seite 64

P.S.2: Kennen Sie die „Erfolgsgeschichte“ vom 04.01.2016? Da hat es eine Patientin auf immerhin 36 Ärzte und Therapeuten gebracht in den letzten 10 Jahren. Mir scheint, das Ganze hat System.

 
 
 

News Schlagwörter