Es gab eine Zeit, da war ich fest davon überzeugt, dass man über Politik echte Veränderungen erreichen kann. Diese Überzeugung hat mich sogar dazu gebracht, Volkswirtschaft und Gesundheitspolitik zu studieren. Mit der Zeit ist von meiner Überzeugung allerdings wenig übriggeblieben. Heute – mehr als 30 Jahre nach Abschluss meines Studiums - habe ich erhebliche Zweifel, ob gesundheitspolitische Maßnahmen überhaupt eine gesamtgesellschaftlich sinnvolle und effektive Wirkung entfalten können.
Ein trauriges Beispiel ist in diesem Zusammenhang das so genannte „EUthyroid Projekt“ der EU. Zwischen 2015 und 2018 wurde dieses millionenschwere, aus Steuergeldern finanzierte Forschungsprojekt durchgeführt mit dem Ziel, den Jodmangel in Europa endlich systematisch anzugehen. Man war sich immerhin schon mal einig, dass die meisten EU-Länder ein eklatantes Problem mit der Jodversorgung ihrer Bevölkerung hatten, und man schwor sich, dieses Problem EU-weit nun auch endgültig zu lösen. Und zwar möglichst bis zum Jahr 2020, wie es von einigen Projektteilnehmern gefordert wurde. Kein Mensch innerhalb der EU sollte noch an Jodmangel leiden.
Das Ende dieses Projekts wurde im Jahr 2018 in Krakau standesgemäß mit einer Zeremonie begangen: Politiker waren anwesend, ein kaltes Buffet wurde gereicht, und in einer feierlichen Deklaration wurde die Bedeutung des Projektes noch einmal festgehalten.
Ich zitiere auszugsweise (aus dem englischen Originaltext übersetzt): „Mit sehr wenigen Ausnahmen wie Island ist Europa ein Jodmangelgebiet. Erwachsene, die in jodarmen Regionen leben, haben ein hohes Risiko für Kropf (Struma), Schilddrüsenknoten und Hyperthyreose. Subklinische Hyperthyreose als häufige und oft nicht diagnostizierte Form eines Jodmangels ist eng mit einem erhöhten Risiko für Sterblichkeit und koronare Herzkrankheit verbunden. Darüber hinaus ist Jodmangel während Schwangerschaft und Stillzeit in Europa weit verbreitet und beeinträchtigt die Entwicklung des Kindes negativ. Selbst ein leichter oder mäßiger Jodmangel der Mutter beeinflusst die Synthese von Schilddrüsenhormonen und kann die Gehirnentwicklung sowie die neurokognitive Funktion beeinträchtigen und den IQ der Nachkommen verringern. Während der Schwangerschaft haben Frauen einen deutlich erhöhten Jodbedarf, der häufig weder durch die Ernährung noch durch Jodpräparate gedeckt wird. Aufgrund fehlender verlässlicher Daten ist das Ausmaß des Problems unklar, doch Schätzungen zufolge sind bis zu 50 % der Neugeborenen in Europa einem Jodmangel ausgesetzt.“
Ungewöhnlich klare und wahre Worte. Die Krakauer Deklaration hätte ein Wendepunkt sein können. Sie sollte als Weckruf dienen und ein klares Signal an Politik und Gesundheitssysteme in Europa sein.
Acht Jahre später, im Jahr 2026, bleibt festzuhalten: Der Weckruf ist weitgehend verhallt. Der Jodmangel ist nicht verschwunden. Er ist geblieben. In manchen Regionen, wie hierzulande, zeigt sich sogar wieder eine Verschlechterung. Und das ist bemerkenswert; nicht weil das Problem schwer zu lösen wäre, sondern weil es so einfach wäre. Beispielsweise war vorgesehen, für jodiertes Speisesalz eine einheitliche europäische Regelung zu schaffen. Doch davon ist man immer noch weit entfernt: Während Polen sehr strenge Vorschriften hat und relativ viel Jod dem Speisesalz zusetzt, sind die Vorgaben in Deutschland deutlich niedriger.
Dabei sind die gesundheitlichen Folgen eines Jodmangels alles andere als banal. Jod ist – das wissen Sie als Strunz-News-Leserin und -Leser - ein essenzieller Nährstoff, ohne den der Körper nicht leben kann. Schilddrüsenhormone steuern zentrale Prozesse: unseren Stoffwechsel, das Herz-Kreislauf-System, Wachstum und Entwicklung. Besonders sensibel ist dabei die Phase der Schwangerschaft und Stillzeit. Hier entscheidet die Jodversorgung der Mutter mit darüber, wie sich das Gehirn des Kindes und damit auch dessen IQ entwickelt.
Es geht nicht um ein Randthema. Es geht um ein weit verbreitetes Defizit mit langfristigen Folgen für die Gesundheit Einzelner und somit auch für die Gesellschaft insgesamt. Und trotzdem passiert erstaunlich wenig bzw. gar nichts.
Das eigentlich Skandalöse daran ist: Jodmangel gehört zu den am besten verstandenen Nährstoffdefiziten weltweit. Genau darin liegt der Kern des Problems: Es mangelt nicht an Wissen, sondern an Priorität, an klarer Regulierung und an politischer Verbindlichkeit.
Die Krakauer Deklaration verdeutlicht, dass selbst Einigkeit über politische Ziele kein Garant für deren Umsetzung ist. Auch bekannte und gut erforschte Probleme bleiben bestehen. Mit katastrophalen gesundheitlichen Folgen für Millionen von Menschen.
Doch keine Sorge – die EU hat bereits reagiert und mit unseren Steuergeldern ein weiteres Projekt aufgelegt: EUthyroid2.
Quellen:
https://www.iodinedeclaration.eu/
https://www.bmleh.de/DE/themen/ernaehrung/gesunde-ernaehrung/degs-jod-studie.html