Die Schattenseite guter Persönlichkeitsanteile
Fleiß, Disziplin, Fürsorge, Bescheidenheit. All das gilt als Tugend. Entscheidend ist jedoch nicht, was wir tun, sondern wie wir es tun. Manche Menschen können diese Verhaltensweisen bewusst wählen. Sie arbeiten engagiert, kümmern sich gern, sind leistungsbereit oder zurückhaltend, weil es ihren Werten entspricht und zur aktuellen Situation passt. Andere hingegen handeln aus automatischen Mustern heraus, die oft in der frühen Kindheit entstanden sind. Sie wurden unbewusst erlernt, um Anerkennung zu sichern, Konflikte zu vermeiden oder die Zugehörigkeit nicht zu verlieren.
Problematisch werden diese Verhaltensweisen nicht durch ihren Inhalt, sondern durch ihren Modus. Sobald sie automatisch ablaufen, verlieren sie den Kontakt zu inneren Grenzen und Bedürfnissen. Dann werden sie nicht mehr von innerer Zustimmung getragen, sondern von Angst, Druck oder alten inneren Regeln. Genau hier beginnt der Weg in Erschöpfung, psychische Belastung und körperliche Symptome.
Die unsichtbare Kette hinter Leistung und Fürsorge
Perfektionismus führt häufig in Arbeitssucht und diese wiederum sehr zuverlässig in emotionale Erschöpfung. Ähnliches zeigt sich beim exzessiven Sport. Menschen mit einem Trainingszwang können nicht aufhören, selbst wenn sie Schmerzen haben oder Schlafprobleme. Bewegung wird dann zur Flucht. Auch übermäßige Fürsorge hat ihre Schattenseite. Wer sich ständig um andere kümmert und dabei sich selbst vergisst, lebt unter hohem inneren Druck und hat ein deutlich erhöhtes Risiko für Depressionen.
Diese Muster unterscheiden sich an der Oberfläche, ähneln sich aber im Kern. Sie laufen starr ab, lassen kaum Alternativen zu und reagieren nicht mehr auf die aktuellen Bedürfnisse von Körper und Situation.
Warum das Gehirn dabei auf Dauer verliert
Unbewusste Muster sind energieintensiv. Nicht nur wegen der Handlung selbst, sondern auch wegen dessen, was innerlich parallel abläuft. Ein innerer Widerstand, es eigentlich nicht tun zu wollen. Der Druck, es tun zu müssen. Die Hoffnung auf Anerkennung oder das Vermeiden von Ablehnung. All das kostet Energie.
Ständiges Überarbeiten, permanentes Nettsein oder zwanghafte Selbstständigkeit bedeuten chronische Selbstübersteuerung. Müdigkeit, Ärger, Traurigkeit oder Schmerz werden dabei unterdrückt. Das Stresssystem bleibt aktiv und eine Regeneration bleibt aus. Die Aufmerksamkeit geht nach außen oder in die Rolle, nicht nach innen. Die Belastung für Körper und Psyche steigt. Burnout und somatische Beschwerden sind dann häufig die logische Konsequenz.
Automatisch oder bewusst – so fühlt sich der Unterschied an
Automatisches Verhalten fühlt sich alternativlos an. Schon der Gedanke, es nicht zu tun, löst Schuld, Angst oder Scham aus. Oder man fühlt sich einfach nur schlecht. Der Körper wird übergangen und seine Warnsignale werden häufig erst ernst genommen, wenn sie sehr laut werden.
Bewusstes Handeln fühlt sich anders an. Es gibt ein spürbares „Ich entscheide mich jetzt”. Die gleiche Handlung kann stattfinden, aber ohne inneren Zwang. Pausen, das Aussprechen von „Nein” oder auch Gespräche über problematische zwischenmenschliche Dynamiken werden möglich, ohne dass man sich fürchterlich fühlt. Die Energie fließt in die Handlung selbst, nicht in inneren Widerstand oder Selbstüberredung. Nach außen hin mag es ähnlich aussehen. Innen ist es jedoch grundlegend verschieden.
Meditation als Schalter vom Müssen zum Wählen
Meditation unterbricht den Autopiloten, indem sie die Wahrnehmung schärft. Gedanken, Impulse und alte innere Regeln werden sichtbar. Dadurch entsteht Raum, in dem eine freie Entscheidung immer häufiger möglich wird. Zunächst fühlt sich das unangenehm an, weil es so ungewohnt ist. Aber je häufiger man es schafft, bewusste Entscheidungen zu treffen, desto selbstverständlicher werden sie. Langfristig wird dadurch sehr viel Energie frei. Ich glaube sogar, dass dies ein wichtiger Aspekt ist, der uns langsamer altern lässt. Wissenschaftlich belegen kann ich das noch nicht, aber bestimmt wird es irgendwann Studien dazu geben.
Oft wird einem erst im Nachhinein klar, wie automatisch man zuvor gehandelt hat. Manchmal ist das richtig erschreckend. Gleichzeitig fühlt es sich aber auch gut an, diese Muster endlich zu erkennen und ihnen nicht mehr blind ausgeliefert zu sein. Das Verhalten richtet sich dann stärker nach aktuellen Werten, Bedürfnissen und Grenzen aus. Paradoxerweise kostet das weniger Energie, obwohl man weiterhin engagiert, fürsorglich oder leistungsfähig sein kann. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass man die Dinge nicht mehr tut, um okay zu sein. Man tut sie, weil man sich bewusst dafür entscheidet. Und genau dort wird sehr viel Lebensenergie frei.
Über die Autorin:
"Dr. Kristina Jacoby arbeitet seit 2014 Dr. U. Strunz bei der Erstellung seiner Bücher zu. Besonders fasziniert ist sie von den physiologischen Abläufen im Organismus sowie den Möglichkeiten diese mit Lebensstilveränderungen positiv zu beeinflussen.
Physiologie und Genetik waren ihre Schwerpunkte in ihrem Biologie-Studium, welches sie 2002 abschloss. Von 2004 bis 2010 studierte und promovierte sie an der Deutschen Sporthochschule Köln. Seit 2008 beschäftigt sie sich intensiv mit Meditation und praktiziert täglich.
Das sagt sie selbst zu Ihrer Tätigkeit:
„Jede Krankheit basiert auf Schieflagen im Organismus, die man aufspüren und verändern kann. Davon bin ich überzeugt. Mittlerweile gibt es etliche wissenschaftliche Veröffentlichungen, die das bestätigen. Leider ist das Wissen noch nicht in den Arztpraxen angekommen. Daher möchte ich dazu beitragen, dass möglichst viele Menschen von diesen Möglichkeiten der Heilung erfahren und in die Lage versetzt werden, sie umzusetzen.“"
