Neulich in meiner Praxis: „Ich glaube, ich habe einen Reizdarm.“ Mit diesem Satz begann das Gespräch mit einer 54-jährigen Patientin, die seit einigen Wochen immer wieder unter Schmerzen im linken Unterbauch litt. Mal waren sie dumpf, mal stechend. Im Internet hatte sie bereits Vieles gelesen und war schließlich überzeugt, an einem Reizdarmsyndrom zu leiden.

Wie immer hatte ich ihre Unterlagen bereits vor unserem Termin sorgfältig durchgesehen. Dabei war mir der Befund einer Darmspiegelung ins Auge gefallen, welche erst drei Monate zurücklag. Die Dame hatte mehrere Divertikel im Dickdarm.

Divertikel sind kleine Ausstülpungen der Darmwand. Sie sitzen überwiegend im Sigma (Colon sigmoideum), also im linken Abschnitt des Dickdarms. Sie kommen vor allem mit zunehmendem Alter häufig vor und verursachen meist keinerlei Beschwerden. Entzünden sie sich aber einmal, entstehen heftige Schmerzen im linken Unterbauch. Die Beschwerden können einer echten Blinddarmentzündung täuschend ähnlich sein, nur eben spiegelverkehrt. Deshalb wurde die Divertikulitis früher auch manchmal als „linksseitige Blinddarmentzündung“ bezeichnet.

Während wir über ihre Beschwerden sprachen, fragte ich sie, ob sie in letzter Zeit etwas an ihrer Ernährung verändert habe.
„Ja“, antwortete sie. „Ich esse jetzt deutlich mehr Vollkornprodukte als früher. Außerdem trinke ich morgens ein Glas Wasser mit Flohsamenschalen, mittags eines mit Chiasamen und abends noch eines mit Leinsamen.“

In mir keimte ein Verdacht.


In den sozialen Medien kursiert derzeit ein Ernährungstrend, der unter dem Begriff Fiber-Maxxing bekannt geworden ist. Dahinter steckt die Idee, möglichst viele Ballaststoffe zu sich zu nehmen, um länger satt zu bleiben, den Blutzucker zu stabilisieren und die Darmflora zu fördern.

Grundsätzlich ist daran nichts auszusetzen – im Gegenteil. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Erwachsenen, mindestens 30 Gramm Ballaststoffe täglich zu sich zu nehmen. Tatsächlich erreichen viele Menschen in Deutschland diesen Wert nicht einmal annähernd.

Das Problem beginnt dort, wo aus einer sinnvollen Empfehlung ein Wettlauf nach dem Motto „Viel hilft viel.“ wird.

Vor allem konzentrierte Ballaststoffpräparate sollten nicht plötzlich in großen Mengen eingenommen werden. Die Ballaststoffzufuhr sollte vielmehr langsam gesteigert werden, damit sich unser Darm daran gewöhnen kann.

Gleichzeitig muss ausreichend getrunken werden, denn Ballaststoffe binden große Mengen Wasser und quellen auf.

Gerade Menschen mit Divertikeln reagieren auf abrupte Veränderungen der Ernährung manchmal empfindlich. Große Mengen zusätzlicher Ballaststoffe können dann Blähungen, Druckgefühl oder Schmerzen verstärken.

Die häufig anzutreffende Empfehlung, morgens Flohsamenschalen in ein Glas Wasser einzurühren und auf einmal zu trinken, gebe ich nie. Unser Darm ist darauf ausgelegt, Ballaststoffe mit der normalen Nahrung über den gesamten Tag verteilt aufzunehmen – nicht als konzentrierte “Ballaststoffbombe”.


Ich empfehle meinen Patienten daher folgendes Procedere: Füllen Sie z.B. Akazienfasern in einen kleinen Salzstreuer und stellen Sie ihn auf den Esstisch. Immer wenn Sie etwas essen, streuen Sie ein wenig davon über Salat, Gemüse, Joghurt oder andere Speisen – so selbstverständlich, wie Sie auch etwas nachwürzen würden.


Ich empfahl meiner Patientin jedoch erst einmal einige Tage auf ballaststoffreiche Speisen komplett zu verzichten, reichlich zu trinken und den Darm zur Ruhe kommen zu lassen.

Ob sich in Divertikeln Nahrungsreste oder konzentrierte Ballaststoffmassen ansammeln und dort Entzündungen begünstigen können, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. In der Praxis erleben wir jedoch immer wieder, dass Beschwerden nachlassen, wenn der Darm für einige Tage mit ballaststoffarmer Kost entlastet wird.

Drei Tage später kam sie wieder in meine Praxis. „Die Schmerzen sind weg.“


Nicht jeder Patient hat allerdings so viel Glück. Bei einer ausgeprägten Divertikulitis reichen Schonung und Ernährungsumstellung allein nicht aus. Dann können Antibiotika oder in manchen Fällen sogar eine Operation notwendig werden.

Deshalb gilt: Wer unter starken Schmerzen im linken Unterbauch leidet oder wessen Beschwerden trotz Schonung und ballaststoffarmer Kost anhalten oder sogar zunehmen, sollte nicht weiter experimentieren, sondern sich zeitnah ärztlich untersuchen lassen. Im Zweifelsfall gehört man damit ins Krankenhaus.

Bei der weiteren Diagnostik dieser Patientin fiel mir jedoch noch etwas auf: Der Vitamin-D-Spiegel der Patientin lag bei lediglich 12 ng/ml und damit in einem ausgeprägten Mangelbereich.

Studien zeigen, dass Patienten mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln häufiger an einer Divertikulitis erkranken und häufiger deswegen im Krankenhaus behandelt werden müssen. Deshalb gehört für mich bei Patienten mit Divertikeln auch die Kontrolle des Vitamin-D-Status unbedingt dazu.
Gemeinsam vereinbarten wir, ihren Spiegel langfristig auf etwa 50 ng/ml anzuheben, um das Risiko weiterer Entzündungsschübe möglichst zu verringern.


Fazit

Ballaststoffe sind gesund. Sehr gesund sogar. Aber wie so oft gilt: Nicht das Maximum ist gesund – sondern das richtige Maß.
Denn der Darm liebt keine Rekorde. Er liebt Regelmäßigkeit.




Bild: erstellt durch Ursula Bien mithilfe von AI


Quelle:

Maguire LH et al.: Higher Serum Levels of Vitamin D Are Associated With a Reduced Risk of Diverticulitis. Clinical Gastroenterology and Hepatology. 2013;11(12):1631–1635. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23954650/