Im letzten Semester habe ich eine Auslandsfamulatur in Rumänien absolviert.
„Rumänien?“, wurde ich mehrfach gefragt. „Was können wir denn von denen überhaupt lernen?“
Ja, diese gewisse Arroganz gegenüber anderen Ländern und ihren Gesundheitssystemen begegnet mir leider immer wieder. Dabei lohnt es sich manchmal, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Ich durfte in Rumänien nicht nur erleben, dass Frauen ab etwa 45 Jahren routinemäßig eine Knochendichtemessung mit modernen DXA-Geräten auf Kosten der Krankenkasse erhalten; etwas, wovon viele Frauen in Deutschland nur träumen können.
Mindestens genauso beeindruckt hat mich aber das Diabetes-Screening. Denn auch hier ist Rumänien Deutschland in einigen Bereichen erstaunlich weit voraus.
Während bei uns im Rahmen des Gesundheits-Check-ups in der Regel alle drei Jahre lediglich der Nüchternblutzucker bestimmt wird, gehört dort der HbA1c-Wert selbstverständlich zum Screening dazu. Und genau das halte ich für ausgesprochen sinnvoll.
Der HbA1c wird häufig als Langzeitblutzucker-Wert bezeichnet. Er zeigt an, wie hoch der Blutzucker in den vergangenen drei bis vier Monaten durchschnittlich war. Während der Nüchternblutzucker nur eine Momentaufnahme liefert, kann der HbA1c bereits früh Hinweise darauf geben, dass der Zuckerstoffwechsel aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Gerade deshalb eignet er sich hervorragend als Vorsorgeuntersuchung. Viele Menschen (auch viele Ärzte) glauben, dass erst Werte über 6 % problematisch werden. Tatsächlich sehen die internationalen Leitlinien das anders.
Nach den Kriterien der American Diabetes Association (ADA) gilt:
- unter 5,7 %: normal
- 5,7–6,4 %: Prädiabetes
- ab 6,5 %: Diabetes mellitus (nach Bestätigung durch eine weitere Untersuchung)
Auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft bewertet einen HbA1c in diesem Bereich als Hinweis auf ein erhöhtes Diabetesrisiko und empfiehlt gegebenenfalls weitere Untersuchungen.
Der HbA1c steigt häufig erst dann an, wenn der Körper bereits seit Jahren gegen eine zunehmende Insulinresistenz ankämpft. Die Bauchspeicheldrüse produziert in dieser Phase immer größere Mengen Insulin, um den Blutzucker noch im normalen Bereich zu halten. Der Blutzucker wirkt nach außen oft völlig unauffällig und der Stoffwechsel arbeitet jedoch bereits auf Hochtouren. Deshalb kann eine beginnende Insulinresistenz über viele Jahre unentdeckt bleiben.
Genau deshalb halte ich es für problematisch, dass in Deutschland beim Gesundheits-Check häufig lediglich der Nüchternblutzucker bestimmt wird.
Viele Menschen weisen morgens völlig normale Werte auf, entwickeln jedoch nach den Mahlzeiten bereits deutlich erhöhte Blutzuckerspitzen. Diese bleiben beim klassischen Check-up häufig unerkannt.
Der HbA1c liefert hier zusätzliche wichtige Informationen und kann helfen, gefährdete Menschen früher zu identifizieren.
Je nach Situation – und genau das machen die Rumänen - können anschließend weitere Untersuchungen sinnvoll sein:
- der HOMA-Index zur Abschätzung einer Insulinresistenz,
- oder ein oraler Glukosetoleranztest (oGTT), idealerweise mit gleichzeitiger Insulinmessung.
In meiner Praxis wird der HOMA-Index routinemäßig ab einem HbA1c-Wert von 5,7 % bestimmt. Bei Vorliegen von Risikofaktoren wie Übergewicht, PMOS (früher: PCOS) oder einer positiven Familienanamnese für Diabetes mellitus erfolgt die Bestimmung bereits früher.
Ein HbA1c von 5,7 % ist keine Katastrophe. Im Gegenteil: Genau in diesem Stadium können Lebensstilmaßnahmen besonders wirksam sein.
Studien zeigen, dass regelmäßige Bewegung, Krafttraining, Muskelaufbau, eine ballaststoffreiche Ernährung, ausreichend Eiweiß, guter Schlaf und eine Gewichtsreduktion bei Übergewicht das Risiko für einen Typ-2-Diabetes deutlich senken können. Je früher gehandelt wird, desto größer ist die Chance, dass sich der Stoffwechsel wieder normalisiert.
Meine Famulatur in Rumänien hat mir einmal mehr gezeigt, dass wir nicht automatisch davon ausgehen sollten, in Deutschland sei jedes Vorsorgekonzept besser als anderswo. „Wir können froh sein, dass wir in Deutschland leben und immer noch von der besten Medizin weltweit profitieren.“ Nein! Gerade beim Diabetes-Screening könnten wir von anderen Ländern durchaus lernen.
Angesichts von rund einer halben Million Neuerkrankungen jedes Jahr stellt sich die Frage, ob ein Nüchternblutzucker alle drei Jahre wirklich ausreicht. Ein routinemäßiger HbA1c könnte viele Menschen bereits im Stadium des Prädiabetes identifizieren – also zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Erkrankung durch Änderungen des Lebensstils häufig noch verhindern oder zumindest deutlich verzögern lässt.
Quelle:
American Diabetes Association Professional Practice Committee. Diagnosis and Classification of Diabetes: Standards of Care in Diabetes—2026. Diabetes Care. 2026;49(Suppl. 1):S27–S49. doi: 10.2337/dc26-S002.